Porträt von Monika Maron  im Profil.
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Monika Maron ist unterhaltsam philosophisch – mit Zugewandtheit und Ironie.

Neuerscheinung

In ihrem neuen Roman „Artur Lanz“ denkt Schriftstellerin Monika Maron darüber nach, was Heldentum sein könnte

  • Simone Dattenberger
    vonSimone Dattenberger
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Monika Maron, die gerade vom ihrem langjährigen Verlag, dem Fischer Verlag geschasst wurde, erzählt in ihrem neuen Roman voller Ironie und Witz von eine Mann um die 50, der in einer Sinnkrise steckt. Er möchte ein Held werden. Aber wie geht das in der heutigen Zeit?

Einen Hund – Schnauzermischling, der an Nietzsche erinnert – unter Lebensgefahr (Herzinfarkt) aus einem sommerheißen Rapsfeld retten (Verdursten durch verhakte Leine), das kann nur eine Heldentat sein. Für Hundeliebhaber sowieso. Die anderen sympathisieren trotz einiger Zweifel mit dieser Wertung – und genießen das Augenzwinkern, mit dem Monika Maron (Jahrgang 1941) in ihren philosophischen Diskurs über Heldentum einsteigt.

Sowohl „Philosophie“ wie „Diskurs“ lösen bei vielen eine Gähn-Kiefersperre aus, die massiert die Berliner Schriftstellerin indes zügig weg: mit dem Roman „Artur Lanz“. Der schillert zwischen psychologischem Feinschliff, satirischer Milieustudie, gelehrter Disputation, Anekdote und aktuellem Statement. Für Unterhaltung ist also genauso gesorgt wie für Denkfutter und Anregungen, da und dort weiter oder wieder zu schmökern.

Monika Maron erzählt von der „Heldensehnsucht“

Los geht’s banal. Alte Frau trifft auf mittelalten Mann, der augenscheinlich aus seinem Leben gekippt ist. Sie bandelt altmodisch geschickt an und erfährt seine Vita. Er ist ein kreuzbraver Kerl, den nach dem Zerfall seiner Ehe „Heldensehnsucht“ befiel. Aber was ist ein Held? Und wie wird man am Beginn des 21. Jahrhunderts – gewaltlos – einer? Dass Maron dieses Bedeutungsfeld mit Zugewandtheit und Ironie umpflügt, wird schon im Buchtitel deutlich. Seinen Namen Artur Lanz hätte seine Mama in Verehrung von Lancelot, Artus und dessen Tafelrunde komponiert. Nun ja, „Artur“ und „Lanz“ strotzen nicht gerade vor Mythen-Glanz und Ritterepen-Glamour. Dieser Zwiespalt – vernünftig-pragmatische Lebenshaltung und dennoch „Heldensehnsucht“ – ist eines der Themen, die der kluge, trotz Kürze vielschichtige Roman behandelt.

Monika Maron erweist sich als charmante Bildungshuberin: Indem sie ihre Ich-Erzählerin Charlotte Winter im Artus-Sagenkreis zwischen Edelmut, Liebe und Gewalt herumstochern sowie über die Idee „Heldentum“ mit diversen Freunden und Be- kannten diskutieren lässt, kommt das Schwere leicht daher. Und Leserinnen und Leser können mitreden. Dabei vertiefen sich Charlotte, die als Rentnerin gelegentlich Erzählungen verfasst, und ihre beste Freundin Lady nicht nur in die Cocktails ihrer Lieblingsbar (Rauchen erlaubt), sondern auch ins Aus-dem-Leben-Verschwinden, in Liebe und Freiheit, Literatur und Männer-/Frauenbilder. Die beiden alten Schachteln genießen Vernunft und Unvernunft in vollen Zügen – und bleiben deswegen ein bisschen jung.

Monika Maron unterhält auch mit Milieu-Satire

So wie Artur Lanz in Charlotte Winters Alltag aufgetaucht ist, verschwindet er wieder. Er irrlichtert wie das Wort „Held“. Mal ist der Begriff Propaganda-Markierung für Kanonenfutter, mal ehrende Bezeichnung für Widerstandskämpfer gegen übermächtiges Unrecht, mal Fachwort für ein Idealbild im Mythos, der eben dieses Bild selbst zerstört – und möglicherweise Bezeichnung für einen Menschen, der Zivilcourage beweist. Charlotte erinnert sich an einen heldenhaften Auftritt Ladys in der DDR-Zeit. Sie hatte eine Kommilitonin, die Biermann-Lieder abspielte, gegen eine SED-linientreue, bedrohlich auftrumpfende Gruppe verteidigt. Einen ähnlichen Weg wird Artur Lanz für seinen Freund gehen, obwohl er ganz und gar nicht dessen Meinung ist. Wobei: Artur muss heute in der Demokratie nicht so viel riskieren wie Lady einst.

Nachdem sich der Fischer Verlag, bei dem „Artur Lanz“ gerade erst erschienen ist, von seiner langjährigen Autorin Monika Maron getrennt hat (wir berichteten), liest sich der Roman wie ein vorgezogener Kommentar zu dem Fall. Der Schriftstellerin wird Nähe zu einem rechtsextremen Verlag vorgeworfen; sie aber pocht auf Treue zu einer befreundeten Buchhändlerin, die mit dieser Firma zusammenarbeitet. All das ist eher nicht heroisch, sondern eine plötzlich entstandene Zwickmühle – ähnlich wie bei Artur Lanz.

Monika Maron:

„Artur Lanz“. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 220 Seiten; 24 Euro.

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