Ein Monolith der Macht

- "Ist nicht mein Kummer tief, weil ohne Boden? Dann sei mein Ausbruch bodenlos wie er . . . Ich bin die See . . . ich die Erde . . . " _ Da tobt es orkanartig aus ihm heraus. Ein Felsen, der zerbirst. Der abservierte, gedemütigte, doch ungebrochen stolze Feldherr kniet vorne an der Rampe und donnert seinen Schmerz ins Auditorium. Ein gewaltiger Sturm. Jetzt ist er ganz der große Tragöde, seht her, die Nummer Eins dieser exzellenten Schauspielertruppe.

<P>Und sein Toben, sein brüllendes Verzweifeln jagt für einen Moment Schauer der Bewunderung durchs ergriffene Zuschauerherz, das Sekunden später schon wieder lachen kann, wenn der tragische Held zum gewitzten Komödianten wird. "So, jetzt geht's mir besser", sagt er trocken und erhebt sich.</P><P>Das ist "Titus Andronicus". Das ist ganz und gar Lambert Hamel. Für ihn hat das Bayerische Staatsschauspiel Shakespeares frühes Drama ins Repertoire genommen, für ihn hat Elmar Goerden es jetzt inszeniert. Und die Premiere im Münchner Residenztheater gehörte denn auch vor allem ihm, dem theatralischen Schwergewicht.</P><P>Doch richtig gut kann einer nur sein, wenn die anderen um ihn herum auf annähernd gleicher Höhe sich befinden sowie bei kluger Regie. Das alles trifft hier mit wenigen Ausnahmen zu. Und am Ende stellt sich heraus: Wohl muss man das Stück, das ja gerade auch im Münchner Volkstheater Premiere hatte, nicht zwingend zweimal hintereinander sehen; aber beide Aufführungen gewinnen jeweils durch die andere.</P><P>Zunächst: Elmar Goerden hat staatstheaterlich repräsentativ inszeniert, in kühler Ästhetik, auf schnöden, bluttriefenden Horror weitgehend verzichtet. Und dabei manchmal mehr arrangiert, als spielerisch ausprobiert. Dennoch: Sehr deutlich, sehr politisch erzählt er das glasklar von Michael Wachsmann neu übersetzte Stück, zeigt die Gründe für das grenzenlose Leid, für die maßlosen Racheakte, dafür, dass Böses Böses gebiert.</P><P>Der Schlüssel des Dramas ist Titus Andronicus selbst. Und zusammen mit seinem überragenden Hauptdarsteller erschließt der Regisseur diese Figur und entwickelt sie aus der Persönlichkeit Hamels heraus als einen modernen Monolith der Macht, der als sein Heiligtum allein die Kapitale Rom anerkennt, deren Bedeutung er unterstreicht, indem er ihren Namen stets zweisilbig, Ro-om, ausruft.<BR>Sein erster Auftritt, die Heimkehr aus dem Goten-Krieg: Einzug des Siegers durchs große Tor in der Mitte. Vorneweg Mohr Aaron und zwei Söhne der Tamora _ alle drei werden sie, Arme hoch, an die Schandhaken gefesselt. Es folgt der Sarg mit den Toten, dazu der in einem Schaukasten als rituelles Siegesopfer ausgestellte Erstgeborene Tamoras. Dann, ganz inszenierter Held, Titus Andronicus, an seiner Hand die Haupttrophäe, die Goten-Königin. Endlich vorn an der Rampe angekommen, in den besetzten Zuschauersaal schauend, entfährt ihm ein tiefer Seufzer der Erleichterung. Geschafft! Nun die Ansprache, ein schnelles "Heil, Rom", eine Rede, wie er sie bei entsprechender Gelegenheit vermutlich schon viele Male gehalten hat.</P><P>Routine. So gestattet er auch Tamora den großen Auftritt, lässt ihr Flehen um das Leben ihres Ältesten von den Tribunen brav beklatschen. Doch sofort wird er herausgetragen, wird das Tor geschlossen, und die gramvolle Mutter lauscht an der Tür den Schlägen des Schwerts, mit dem Titus' Sohn Lucius ihrem Kind den Kopf abhaut. Wenn sich die Pforte wieder öffnet, sehen wir, wie das Opfer in Plastikfolie gehüllt und abgetragen und der blutgetränkte Platz mit dem Wasserschlauch gereinigt wird.</P><P>Unterdessen geht vorn und auf der Empore der schlichten, hellen Bühne die Kaiserkür voran. Geschäftig, routiniert, da gewohnt zu entscheiden, hakt Titus auch das ab. Als seine Tochter Lavinia dabei ins Spiel kommt, besinnt er sich zunächst nicht einmal ihres Namens. Für diesen Mann ist nur einer interessant: er selbst. So ersticht er einen seiner Söhne, weil der ihm widerspricht, setzt sich trotzig wie ein Kind auf die Gruft, um mit einem "Hier kommt er nicht rein" die ehrenvolle Bestattung zu verhindern.</P><P>Dieser Titus ist ganz absoluter Herrscher. Die extremen Schläge, die er und die Seinen ab jetzt selbst erfahren werden, sind zuallererst immer nur ihm zugefügter Schmerz, bodenlose Kränkung. Und nach Momenten der Fassungslosigkeit fasst er sich aus diesen Abgründen heraus jedes Mal neu, indem er als der große, auch wahnhafte Feldherr die Führung im Chaos der Ereignisse übernimmt: das Abschlagen seiner Hand als Geschenk für den Kaiser; der Schwur und der Plan der Rache; die Armada von Pfeilen, die er in den Götter-/ Bühnenhimmel schießen lässt und die im Kaiserhof landen; die Versorgung im Haus wie das Schneiden von Brot, das Öffnen des Weins, das Pellen eines Eis, das er rigide seiner handlosen Tochter in den zungenlosen Mund stopft.</P><P>Und schließlich das kannibalische Mahl, bei dem er freudig den komödiantischen Koch der Menschenfleisch-Pastete gibt. Da fließt beim sauber geplanten Todes-Souper kein Tropfen Blut. Die geschändete Lavinia erstickt er im Kuss, Kaiserin Tamora in den verbackenen Köpfen ihrer Söhne. Er selbst lässt sich das silberne Essbesteckmesser des Kaisers nicht unkomisch ins Herz rammen.</P><P>Fasziniert schaut und hört man zu, wie Lambert Hamel diesen Titus spielt. Ein Mann der Macht mit immer wieder kleinen Abstürzen zu sich selbst. Einer, der die anderen überragt im harschen Herrschen wie im eitlen Auskosten des Schmerzes. Der groß ist im Verlust, maßlos im Leiden. Und als Schauspieler mutig im Preisgeben seiner selbst.</P><P>Zu erwähnen ist neben so viel Hamel aber unbedingt auch die stille Intensität, mit der Christine Schönfeld die gemarterte Lavinia spielt, als Zeichen ihrer trostlosen Verlassenheit meist an den Rand gestellt. Außerdem der glänzende Oliver Nägele als Bilderbuchmohr Aaron, eine bunte, böse Komikerfigur, von Shakespeare erfunden als Vorantreiber der Handlung und zur Belustigung der Leute.</P><P>Genauso behaupten sich in dieser Inszenierung der ausgezeichnete Rainer Bock, der einen liebenswerten, immer müder werdenden Marcus Andronicus spielt, und Stefan Wilkening als Lucius. In der Rolle der Kaiserin Tamora könnte man sich allerdings gut und besser eine Darstellerin aus dem Ensemble denken. Helga Grimme, für diesen Part als Gast ans Residenztheater geholt, zeigt vor allem das alte Luder. Und das ist einfach zu wenig.<BR>Am Ende großer Beifall _ für Hamel, den Regisseur und alle anderen.<BR><BR></P>

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