Monologe von Dea Loher: Und wo bleibt das Glück?

München - Das muss man sich wirklich ansehen. Hier stimmt einfach alles: Text, Regie, Darstellung. Im Premieren-Eröffnungsmarathon der Münchner Kammerspiele zum Auftakt der neuen Spielzeit schießt ganz zweifellos der Doppelabend "Land ohne Worte" und "Berliner Geschichte" den Vogel ab.

Zwei Monologe von der Dramatikerin Dea Loher. Der erste ein Auftragswerk der Münchner Kammerspiele, der zweite eine Übernahme aus Hamburg. Beide Stücke in der Regie von Andreas Kriegenburg. Beide gespielt von Wiebke Puls. Und das ist die Sensation. Eine großartige junge Schauspielerin, unprätentiös, bescheiden und perfekt, die die Zuschauer an diesem Abend zuerst im Werkraumtheater, danach im Schauspielhaus in ihren Bann zieht.

"Land ohne Worte" beinhaltet die Selbstbefragung einer jungen Künstlerin von heute, die zurückgekehrt ist aus Kabul. Ist mit der Erfahrung des Krieges, mit dem erlebten Elend der Menschen dort überhaupt noch Kunst möglich? Und wenn ja, wie kann sie Schmerz und Trauer ein Gesicht geben? Und wo bleibt das Glück? Fragen, die die Autorin beschäftigen. In ihrem Monolog hat sie sie einer Malerin in den Mund gelegt. Ein starker, sprachlich hervorragender, gefühlsmäßig und geistig gleichermaßen packender Text.

Andreas Kriegenburg, der auch für die Bühne verantwortlich zeichnet, sperrt die junge Frau, die in ihrem langen, fließenden Gewand an eine klassische antike Heldin erinnert, in eine gläserne Zelle. Als Zugaben eine Wasserflasche, ein Topf und eine Tube schwarzer Farbe, ein breiter Malerpinsel. Gefangen im Widerstreit von Wirklichkeit und Kunst. Immer wieder streicht sie die Farbe auf die Glasflächen, mit dem Pinsel, mit ihren Händen. Sie zieht Bahnen, Linien, Kurven, Kreise.

Und es ergeben sich daraus abstrakte "Bilder". Interessant und vielfach deutbar, etwa auch als Hommage an den US-amerikanischen Maler Brice Marden, auf den sich Dea Loher in ihrem Text bezieht.

Hinter diesem Netz aus schwarzer Farbe ist Wiebke Puls oft nur noch schemenhaft zu erkennen. Teilweise droht ihr mittlerweile auch geschwärztes Gesicht ganz zu verschwinden. Um so präsenter, zwingender ihre körperliche, sprachliche und emotionale Präsenz. Eine beeindruckende Leistung.

Es folgen eine längere Pause und der Wechsel der Zuschauer vom Werkraum zum Schauspielhaus. Auch hier wieder freie Platzwahl, wobei ein Teil der Sitze gesperrt ist. Dann knallt mit zwerchfellerschütterndem Dröhnen die Technopop-Musik der slowenischen Gruppe Laibach (das ist der deutsche Name der Stadt Ljubljana) das Publikum in die seelische Extremwelt eines armseligen Nachtkellners: "Berliner Geschichte" mit Spritzkuchen und Kaffeekanne.

Und Wiebke Puls als diese monologisierende, mal menschliche, mal äffische, mal urkomische, dann wieder mitleiderregende männliche Kellerassel. Zwischen Selbstbefriedigung und Bedürfnislosigkeit, Terrorist, Opfertier und Heilsprediger. Schauplatz ist die Küche einer Kreuzberger Erdgeschosswohnung. Als eine Art Black Box weit über dem Bühnenboden hängend.

Darin bewegt sich die hochgewachsene, weiß geschminkte Schauspielerin wie ein Tier im viel zu engen Käfig. Oder wie eine Musterfigur aus dem expressionistischen Theater des frühen 20. Jahrhunderts. Für einen Mann wäre das unspielbar, wollte er mit diesem Monolog nicht in peinlichen Naturalismus abrutschen. Als Frau, die auch noch in der dritten Person spricht, hält jedoch Wiebke Puls die notwendige ironische Distanz und diesen kafkaesken Psychopath in der Schwebe zwischen Clownerie und Tragik. Hingehen.

Nächste Vorstellungen:

4. und 16. 10. sowie 2. 11.

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