Monotone Monster

- Ein Forscher legt in so karger wie luzider Sprache seine Beobachtungen nieder: über das Jagdverhalten von Raubtieren. Diese Tiere sind Menschen in der Stadt. Ihre Opfer sind ebenfalls Menschen. Lothar Trolle, 1944 in Brücken, Kreis Sangershausen, geboren, ist Nonkonformist, egal ob zu DDR-Zeiten, ob heutzutage - und besonders als Dramatiker. Sein Stück "Hermes in der Stadt", das am Donnerstagabend im Neuen Haus der Münchner Kammerspiele Premiere hatte, ist aus vielen Erzählungen zusammengesetzt, die in vier Teile gebündelt sind. Das sind scharf gestochene Kaltnadelradierungen der Gewalt-Seite unseres Alltags, angereichert mit wunderbaren Skizzen aus der Welt der Kunst.

<P>Trolle demonstriert das Nebeneinander von Schrecken und Schönheit; und versucht das Entsetzen zu formulieren, dass das eine das andere nicht tangiert: "Flammen umlodern den bleichen Leichnam des Jünglings, doch nebenan das Gras verändert nicht seine Farbe . . ." Konsequent wie de Sade postuliert Trolles "Hermes in der Stadt" einen Gesellschaftszustand der Amoralität. Seine Menschheit - er nennt die ersten auftretenden Figuren A, B, C bis Z _ erkennt nicht einmal mehr die Regeln an, indem sie dagegen verstößt, sie negiert sie vielmehr komplett. Hermes, der Gott aus der griechischen Antike, verkörpert die Amoral, gepaart mit einem innigen Sinn für die Schönheit des deutschen Versmaßes. Was seine Monstrosität noch hervorhebt. Auch wenn Hermes, im dritten Teil vervielfältigt in grölende Jugendliche, ein Kind mordet, umweht ihn ab und zu die Aura eines expressionistischen Pathos'.</P><P>All das bedeutet: extrem schwerer Brocken für Regisseur Laurent Ché´touane. Klugerweise hat er darauf verzichtet, die Episoden nachzuspielen, den Schrecken zu bebildern. Er behält die Distanziertheit und ästhetische Durchdringung bei, die "Hermes in der Stadt" turmhoch über die modischen Blut-Blök-Bierdosen-Stückchen heraushebt. Minimalistisch lässt er seine Schauspieler, die eine bewundernswert Leistung im Sich-selbst-Zurücknehmen zeigen, in sachlichem Ton die Geschichten berichten.</P><P>Durch vier geöffnete Türen, durch die man Gang, Fenster und das gegenüberliegende Haus sieht, treten sie - zunächst nur fast - in den Theaterraum wie Figürchen im Wetterhaus. Vor allem Gundi Ellert fasziniert mit fein klirrender Neutralität in der Stimme, unter der etwas lauert, was beim Zuhören Spannung auslöst. Nur ein ganz kleiner Kick Schadenfreude kräuselt den kalten, glatten See der Darstellung. Auch Annette Paulmanns treuherzig klar tönende Stimme kontrastiert schön schillernd die Gefahr.</P><P>Strenge Exerzitien</P><P>Ein karg bebilderter Rezitationsabend von zweieinhalb Stunden Länge auf unbequemen Bänken, zum Teil ohne Rückenlehne, macht "Hermes in der Stadt" zum strengen Text-Exerzitium. Dem unterziehen sich Theaterfreunde gern, wenn Regisseur und Schauspieler die Intensität auf andere Weise herstellen können. Das gelang nicht.</P><P>Respekt vor Christoph Luser, der im zweiten Teil seinen Monolog als Hermes - inklusive Vers-Zitaten von Kleist bis Hölderlin - eine Stunde durchhielt. Bei solchen Texten können aber nur erfahrene Schauspieler vom Format "Der kann auch das Telefonbuch vorlesen" die Aufmerksamkeit des Publikums fesseln. Da aber die Inszenierung nur monotones Sprechen zuließ, Luser auch ansonsten von Ché´touane im Stich gelassen wurde, kämpfte der junge Schauspieler vergebens gegen Langeweile und die Zuschauer gegen den Schlaf. Im dritten, sehr schlecht präsentierten Teil war die Aufmerksamkeit auch von denen, die ausharrten - für eine Premiere gingen sehr viele -, dann so minimalistisch wie die Inszenierung selbst. </P><P>Schade um den Text und das Engagement dafür - aber diese Produktion ist nur was für Ironman-Zuschauer, die die äußersten Grenzen ihrer Belastbarkeit austesten wollen. - Dennoch freundlicher Applaus.</P>

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