Das Monster platzt

- Aus dem Mammut ist ein Monster geworden. Die Biennale in Venedig hat sich in den vergangenen 15 Jahren zu einer extremen Großveranstaltung der bildenden Kunst ausgewachsen. Jetzt ist der Punkt erreicht, an dem die Expansion beginnt, die geschichtsträchtige Ausstellung zu zerstören. Der aufgeblähte Körper Biennale platzt. Ausgerechnet ein italienischer Direktor, Francesco Bonami, ist daran schuld, das nationale Vorzeige-Event global in Misskredit zu bringen.

<P>Schließlich berichten tausende von Journalisten weltweit über die "Esposizione Internationale d'Arte", die sich nun zum gehörigen Teil als überfüllter Ramschladen in desaströsem Zustand darbietet. Die Besucher müssen sich obendrein zynisch verspottet vorkommen, wenn Bonami von der "Diktatur des Betrachters" spricht; wahrscheinlich hat er damit nur sich selbst gemeint. Und er hat es so leicht gehabt, konnte er doch aus all den Fehlern seiner Vorgänger lernen! </P><P>Betrachter verspottet</P><P>Dass seine Auswahl von Künstlern und Kunstwerken qualitativ sehr schwankend ist, zeigt schon seine Schau im zentralen Pavillon der Biennale-Gärten (wie berichtet). Aber auch seine Unfähigkeit, problematische Räume für den Betrachter klar zu gestalten. In der Renaissance-Seilerei des Arsenale der venezianischen Seefahrer-Macht hat er jedoch einen großartigen (wenn auch extrem langen) Bau. Ausgerechnet dieses architektonische Juwel ist durch die wirr eingebauten Kojen, Videoboxen und Stellwände optisch ausgelöscht worden. Auch die Gliederung in verschiedene Abteilungen mit eigenen Kuratoren hat nichts gebracht. Die Zäsuren sind nicht erkennbar, zu selten unterscheiden sich die Klein-Präsentationen deutlich voneinander. </P><P>Nur ein Haufen Kunst</P><P>Bonami selbst macht mit "Heimlich" den Anfang; will nicht-kategorisierbare Kunst vorstellen. Ein ehrenwertes Unterfangen, nur sollte man dann nicht Kunst wie Abfall lieblos zu einem Haufen zusammenkehren. Dieser Auftakt untergräbt jegliche Freude an der zeitgenössischen Kunst, die Hochstimmung, Neues entdecken zu dürfen, erlischt. Schade ist das vor allem, wenn unbekanntere Regionen ins Spiel kommen wie Afrika (Kurator Gilane Tawadros) oder Arabien (Kuratorin Cathérine David). </P><P>Man nimmt zum Beispiel die sinnlichen Fotos von Rotimi Fani-Kayode vergnügt wahr; seine rotzfreche Ironie, die auch die westlichen Klischees von den "Wilden" genüsslich aufgreift. Wunderbar zierlich, jedoch ganz und gar nicht kraftlos Laylah Alis Gemälde. Auf zartem Hellblau kleine Figürchen, eine eigenständige Mischung aus Piktogramm und Cartoon. Nicht belehrend-anklagend, sondern bewegend und nachdenklich stimmend in ihrer Lakonik die Fotoserie von Walid Raab: "Mein Nacken ist dünner als ein Haar: Eine Geschichte der Autobomben in den libanesischen Kriegen". Lärmend, krachert, oberflächlich, schlicht nervtötend präsentiert Hou Hanru fernöstliche Künstler, die ihre Welt genauso erschaffen - und dadurch im eigenen Klamauk untergehen.</P><P>Nach dem Motto "gut gemeint, aber viel zu viel" funktioniert auch "Struktur des Überlebens" (Kurator Carlos Basualdo). Man will den Armen und Entrechteten ein Forum bieten, vergisst dabei aber, dass man nicht auf einer Caritas-Veranstaltung ist. Nur der Angolaner Antonio Ole entgeht dieser verlogenen Fürsorge. Über Eck zieht er seine schöne Wandarbeit. Sie spielt mit Konstruktivismus und Farbfeldern, Objé´ts trouvé´es und Collagen, sodass man lediglich unterschwellig wahrnimmt, das sind Hütten-Teile aus den Slums.</P><P>Die Stillen sind die Klügeren, sie heischen nicht Aufmerksamkeit, sie bekommen sie von den Klugen. Kurator Igor Zabel erweist nicht umsonst dem großen Roman Opalka seine Reverenz: dem Mann, der die Zeit in endlosen Zahlenreihen weiß auf graue Leinwand malt und in Foto-Selbstporträts dokumentiert. Neben ihm haben es die Jüngeren - zwischen Fiat an der Wand und Möbel-Design-Zitaten - natürlich recht schwer. </P><P>Respekt vor den Kollegen</P><P>Der einzige, der eine Ausstellung - zum Aufseufzen - gut gestaltet hat, ist selbst Künstler: Gabriel Orozco. Im humorvollen "Vertauschten Alltag" zollt er Kollegen und Werk Respekt, indem er weniges bietet. Das dann aber wirkungsvoll, ob tanzende Öltonnen-Säule (Damià`n Ortega), ob der in sämtlichen Einzelteilen schwebende VW-Käfer (Fernando Ortega). </P><P>Station in München</P><P>Am Ende des Arsenale-Parcours (und im Zustand der Erschöpfung) kann der Besucher sich nur an eines klammern: an die Utopie. Von einer besseren Biennale. Die "Station Utopie"-Macher Molly Nesbit, Hans Ulrich Obrist und Rirkrit Tiravanija wollen anderes, sie haben ein ständig wachsendes Projekt ins Leben gerufen. Eine stattliche Menge von Künstlern beteiligt sich an der "besseren Welt" mit Plakaten, Filmen, Objekten oder "Gebrauchsgegenständen" der abstrusen Art. So einfach wie poetisch Agnès Vardas drei Film-Wände über Kartoffeln - in der Mitte ein Herz-Erdapfel. </P><P>Und Yoko Ono verknüpft wieder einmal John Lennon und "Peace" und lässt uns auf Landkarten Frieden stempeln. In diesem mit voller Absicht chaotischen, unfertigen Bereich deutet sich das Schlamassel der Biennale auf positive und kreative Weise um. Dieses Drunter-und-drüber ist sympathisch, verführt allerdings Beteiligte und Betrachter leicht zu Oberflächlichkeit. Das Thema sollte nicht zur bloßen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Künstler verkommen. </P><P>Wie es sich weiterentwickelt hat, wird man begutachten können, wenn "Station Utopia" im Münchner Haus der Kunst Halt macht (erster Teil heuer im Herbst, zweiter Teil 2004). </P><P><BR> </P>

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