Monument und Mahnung

- "Ich weiß nicht, ob ich unter den heutigen Bedingungen noch einmal Sänger werden möchte", sagte er vor knapp 20 Jahren. In einer Zeit, in der der Opernbetrieb jungen Stars jegliche Nestwärme verweigere, in der niemand hinter einem Sänger "zittert, leidet und sich freut". Für Hans Hotter war es die goldene Ära des Gesangs, in der er die Bühne beherrschte, in den 40er-, 50er- oder 60er-Jahren. Eine Ära, in der Hotter der Don Giovanni war, der Sachs, der Holländer und vor allem: der Wotan, die Rolle seines Lebens.

<P>Die Bayreuther Nachkriegsgeschichte, auch das Münchner Opernleben wäre ohne diesen großen Künstler kaum denkbar gewesen, der nicht nur Rollen bis ins hohe Alter unnachahmlich prägte, sondern auch inszenierte und die Musikszene mit kritischen, launigen Reflexionen begleitete. Bereits am 6. Dezember ist Hans Hotter, wie erst jetzt bekannt wurde, im Alter von 94 Jahren gestorben, die Beisetzung fand im engsten Familienkreis statt.</P><P>Als "Wunder seines Lebens" bezeichnete Hotter die Berufung an die Bayerische Staatsoper. Wobei es auch an ein Wunder grenzte, dass der gebürtige Offenbacher überhaupt an die Traumrolle Wotan geriet. "Für die kleinen Rollen sind Sie mir zu groß und für die großen Rollen noch zu jung", hatte Clemens Krauss einst dem 1,94 Meter-Hünen beschieden, der sich immerhin im zarten Alter von 22 an den Wanderer im "Siegfried" gewagt hatte. Hotter wuchs in München auf, studierte hier zunächst Philosophie, danach an der Musikakademie und debütierte 1929 in Breslau. Acht Jahre später dann der erste Auftritt als Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper: als Kurwenal in Wagners "Tristan und Isolde", dirigiert von Karl Böhm.</P><P>Noch im Alter ein<BR>imponierender Sänger</P><P>Rund 50 Jahre blieb er München treu, trat überdies in allen renommierten Musentempeln der Welt auf, die auf seine Verdi-, Strauss- oder Wagner-Interpretationen nicht verzichten mochten, vielmehr: konnten. Hotter war berühmt für seine fast monumentale Präsenz, auch für seinen Spielwitz (der Basilio in Rossinis "Barbier" ist als TV-Aufzeichnung aus dem Cuvillié´stheater dokumentiert), vor allem für seinen weit ausgreifenden, einschüchternden Bassbariton.</P><P>Seine Deutungen waren weniger bestimmt durch das (damals häufig zu hörende) Überdeklamieren, auch als "Konsonantenspuckerei" karikiert, sondern durch eine weiche, fließende, an italienischer Stilistik orientierte Tonbildung. "Wer das kann, wer Belcanto mit Sprechgesang verbindet, der wird feststellen, dass es gar nicht so schwer ist, Wagner zu singen", so Hotter. Die großen Partien forderten freilich ihren Tribut: In den 60ern büßte seine Stimme an Prägnanz ein, geriet ins Tremolieren, wurde gaumig _ von manchen etwas böse als Hotter'scher "Wobble" verspottet.</P><P>Es spricht für seine Disziplin, dass Hans Hotter daran arbeitete und noch im Rentenalter als Liedsänger bei der Schubertiade in Hohenems eine "Winterreise" präsentierte, Mitte der 80er einen imponierenden Schigolch in der Münchner "Lulu" sang und sich 1988 von der Staatsopern-Bühne verabschiedete - als Sprecher in einer "Zauberflöte" unter der Leitung von Wolfgang Sawallisch.</P><P>Jung erhielt ihn, das hat Hotter immer wieder betont, das Unterrichten. "Der geborene Schulmeister", so nannte ihn schon seine Mutter. Nicht nur Anfänger holten sich Rat in Meisterkursen, auch viele Stars klopften bei Hotter an, der mit Tipps und Tricks aufwartete, wenn der junge Kollege gerade seinem ersten Wotan entgegenzitterte. "Disziplin, Anpassungsfähigkeit, Toleranz, Umgänglichkeit" und die "Balance zwischen Selbstsicherheit und Selbstkritik": All das brauche ein Sänger, Stimme und Musikalität reichten noch lange nicht aus. Hotter räumte ein, dass dies altmodisch klinge. Und dennoch: Seine unvergleichliche Karriere kann in einer Zeit, in der sich Stars innerhalb von zehn Jahren verbrennen, nur Vorbild und Mahnung sein.</P><P> </P>

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