Monumentalgemälde

Stefan Zweigs "Jeremias" in Oberammergau: - Wer mag schon einem wirren Zausel glauben? Einem Typen, der an der nächsten Straßenecke salbadert, was das Zeug hält und was völlig dem Zeitgeist widerspricht. Der hätte zum Beispiel vor 30 Jahren einen unumkehrbaren Klimawandel vorausgesagt.

Man muss sich diesen Jeremias nämlich so vorstellen: Nachts schlafwandelt der arme Tropf durch Jerusalem, stammelt krude Traumerlebnisse und prophezeit Israel den sicheren Untergang, wenn es gegen Babylon Krieg führe.

Was für das auserwählte Volk einer Gotteslästerung gleichkommt. Vor allem für die Jugend Israels, erzogen in unerschütterlichem Gottvertrauen und davon abgeleitetem Hochmut, ist die babylonische Fremdherrschaft unerträglich geworden. In dieser Situation muss einer wie Jeremias mit seinen reaktionären, kläglichen Friedens-Parolen der Spinner, Volksverhetzer, Verräter sein.

Stefan Zweig, österreichischer Jude, schrieb das Drama "Jeremias" 1916/17, erschüttert von den Eindrücken des Ersten Weltkriegs. Nach Bezügen zu heutigen Gotteskriegen jeglicher Couleur muss man darin nicht lange suchen. Auch deshalb brachte Christian Stückl es auf die Passionsbühne in Oberammergau.

Feuer-Effekte als perfekte Werbung fürs "Nachtspiel"

Der Intendant des Münchner Volkstheaters wurde bereits zum dritten Mal zum Leiter der Passionsspiele gewählt. Gestern war es nun an den Oberammergauern, per Bürgerentscheid über das für 2010 geplante "Nachtspiel", abzustimmen, von dem Stückl seine Regiearbeit abhängig macht. Eine gute Werbung dafür war sein klarer, lichter, wirkungsvoll stilisierter "Monumentalschinken" allemal. Nicht nur wegen der fulminanten pyrotechnischen Effekte und der kunstvollen Ausleuchtung, auf die vor allem es Stückl bei der Abend-Kreuzigung ankommt. Unbeabsichtigt ist der Leidensweg des "Jeremias" für sie zum nächtlichen Probelauf geworden. Eigentlich dienen diese Aufführungen zwischen den Passionsjahren, anknüpfend an die barocke Tradition der "Kreuzschule", dem Training der Mitwirkenden.

Und so viel Übung wie vor der Passion 2010 war wohl selten: 2005 hatte Stückl ein "König David"-Spiel ausgegraben. Sein wuchtiger, an antike Schicksalskonzeption erinnernder "Jeremias" übertrifft es noch. Nicht weil noch mehr Laienspieler (500) auf der Bühne stehen und dazu ein halber Zoo, vom Ackergaul über Kamele bis zur Ziege. Sondern weil die im Stück zentrale Kriegslust sich mit den Erfahrungen von uns Heutigen so sehr reibt, sich so unheimlich anfühlt, so schwer nachvollziehbar ist. Und weil man sich fragen darf, wer eigentlich uns die Wahrheit verkündet und welcher Art die Jauchegrube ist, in die wir unsere Jeremiasse stecken.

Warum es Übungsspiele auf der Freilichtbühne braucht, zeigen die widrigen Bedingungen bei der Premiere. Akustisch problematisch ist vor allem der Beginn: Die Darsteller müssen gegen Dauerregen und Wind anspielen, der durch die Mikrofone grollt und mit Vogelgezwitscher alterniert. Und selbstverständlich verlangt das antikisierende, kolossal breite Bühnengebäude große Gesten und absolute Präsenz. Für intime, kleinformatige Szenen hat Ausstatter Stefan Hageneier aber eine Lösung gebaut: ein strahlend weißes Zwischengeschoss ­ ähnlich den Dachterrassen der Städte in Nahost. Darunter ein Arkadengang, abgewinkelte Treppen und das Doppel-Tor der Stadt. Auf ihm prangt stilisiert der siebenarmige Leuchter; zweigeteilt, seit dem Krieg und dem Hass Tür und Tor geöffnet wurden. Zweigs ausladendes Opus, hier in dichte Form gebracht und von Markus Zwink mit wunderbarer Chor- und Orchester-Zwischenmusik versinnlicht, verlangt nach einer großen Bühne.

Handlung und Dialoge sind schlicht, sie leben von Losungen wie "Tod dem Verräter" oder "Ewig währt Jerusalem". Dynamik bringt Stückl mit Kontrasten hinein, zwischen Masse und Solisten, zwischen grauem Volk und rot gewandetem Zedekia, gelbem Pharao und orangefarbenen Bayloniern. Stückl ist ein Meister der Massenchoreographie und nutzt das Statische in ihr: Er malt Tableaux vivants, lebende Bilder von biblisch großen Szenen. Und trotzdem hat der kleine Ausschnitt immense Bedeutung darin. Etwa wenn Priester und Beamte den jungen Baruch (Martin Schuster) mit einem Schwert locken, er der Gewaltlust widerstehen will ­ und sich doch auf Jeremias stürzt. Ursula Burkhart, die innerlich zerrissene Propheten-Mutter, Anton Burkhart als höhnisch strauchelnder König Zedekia, Peter Stückl, der opportunistische Gegenprophet, und Hubert Schmid als besonnener Verwalter ­ sie alle sind versierte Passionsspieler und auch in dieser Aufführung fesselnd. Michael Adam bezirzt als Narr.

Und Martin Norz ist als Jeremias das verzückt-verträumte Werkzeug Gottes. Gewiss kein weiser Mann. Er weiß nicht, wie ihm geschieht, und kann sich nicht zu handeln entschließen, wenn er auf eigene Verantwortung, nicht auf Gottes Geheiß, handeln müsste. Nur in einem scheitert er nicht: zu zeigen, wie Religion den Menschen fanatisiert. Ein atheistisches Passionsspiel? Dieser Schluss ginge zu weit. Aber einmal mehr eine Warnung, niedere menschliche Zwecke mit dem Willen Gottes zu verwechseln.

Weitere Aufführungen:

23., 24., 29., 30. Juni sowie 6., 7. Juli, Tel. 088 22/ 92 31 58.

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