Das Moos und seine Künstler

- Seine "notwendige Melancholie" nannte es Eduard Schleich, wenn er im Dachauer Moos eine Vertiefung seiner Malerei der stillen Bedachtsamkeit suchte. Gemeinsam mit seinen Freunden Christian Morgenstern und Carl Spitzweg hatte er 1851 in Barbizon bei Paris die Vorzüge einer Freilichtmalerei in der Stille einer entlegenen Ländlichkeit zu schätzen gelernt. In der nach einjähriger Bautätigkeit wiedereröffneten Gemäldegalerie gegenüber vom Dachauer Rathaus gehören die meisten dieser nun ganz hell gewordenen Räume den ersten beiden Generationen der zwischen 1870 und 1914 ins noch nicht trocken gelegte Dachauer Moos strebenden, stadtflüchtigen Landschaftsmaler.

<P>Für Einzelpräsentationen und Gruppenthemen empfiehlt sich das zu einem kombinierten Terrassensaal ausgebaute zweite Obergeschoss. Dorthin eingeladen wurden als nächstes die belgischen und holländischen Künstlerkolonien Tervuren und Oesterbeek.<BR><BR>Durch Neuerwerbungen und Leihgaben (insbesondere aus der Sammlung des Münchner Zigarrenfabrikanten Walter Stühler, aber auch vom Münchner Stadtmuseum und den Staatsgemäldesammlungen) kann die Galerie als zentrales Museum für die Malerei, Grafik und Plastik dieses Ortes der alternativen Landschafter von damals gelten. Gut zur Geltung kommen nicht nur die gängigen Namen von Dillis bis Zügel, sondern auch die im heutigen Kunstbetrieb seltener anzutreffenden, nicht minder guten Dachau-Gäste Antonio Montemezzo, Bernhard Buttersack, John Hammer, Georg Flad, Emilie Mediz-Pelikan und Fanny von Geiger-Weishaupt. Ihr Verständnis für die Poesie dieses Einklangs mit der umgebenden Natur beglückt jeden, der nur einigermaßen empfänglich ist dafür.<BR><BR>Das Dachauer Dreigespann der teils jugendstiligen Erneuerer Adolf Hölzel, Ludwig Dill und Arthur Langhammer wird ins Verhältnis gebracht zu den pastosen Secessionisten Fritz von Uhde, Albert Weisgerber, Lovis Corinth, Ludwig von Herterich und Adolf Schinnerer, mit Leo Putz und Max Feldbauer. Es kommt auch zu enormen Überraschungen. Der aus London stammende Charles Richard Tooby wurde in Dachau seit 1893 zum Expressionisten. Sein "Sturm" (um 1898) ist Leihgabe der Secessionsgalerie: ein Werk, das mancherlei Vorstellungen über den Haufen wirft. Mit seinen "Elendsbildern" der 20er-Jahre rückt August Kallert in die Nähe Max Beckmanns. Sein "Vorstadtelend" von 1922 überträgt das Motiv "Kreuzabnahme" in die Gegenwart: Mutter und Kind in einer Gruppe von Mitleidenden. So erweitern sich die Dimensionen der Abgeschiedenheit der Dachauer Künstlerinsel bis zu Oskar Coester und Rudi Tröger.<BR></P><P>Augsburger Straße 3; Tel. 08131/ 56 75-0; www.dachauergalerien-museen.de<BR><BR></P>

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