Moral frontal

- Ganz ohne Verweis auf den "Genius loci" ging es dann doch nicht. Sie seien zwar das neue Ensemble der Lach- und Schießgesellschaft, doch Politkabarett, schwarzer Rollkragenpulli und so, wollten sie nicht machen, verkünden Sonja Kling, Ecco Meineke, Michael Morgenstern und Thomas Wenke ihrem Publikum. Und im ersten Moment gibt's auch keine Indizien dafür angesichts der (wechselnden) Kostümierungen, in der die neue Truppe aufmarschiert. Ein Mann im weißen Tüllkleid, ein Mädchen mit Zöpfen, verschiedene Kopfbedeckungen, Stock, Brille, grelle Perücke. "Jenseits von Oz" heißt dieses Programm, nach der Uraufführung im April in Hamburg nun also auch "zu Hause" in München zu sehen.

<P>Märchenhafte Gestalten in einer Märchenbearbeitung (Autor und Regisseur: Michael Ehnert), die, den einleitenden Worten zum Trotz, natürlich vor Bezügen zur Realität nur so strotzt. Dem "jungen Ding(s)" Dorothy aus Kansas (Kling), die es in jenes ominöse Land Oz verschlägt, ist die Rolle der fragenden Naiven vorbehalten, die die Bekanntschaft von allerlei schrägen Typen macht. "Vogelscheuche" (Meineke), "Blechmann" (Morgenstern) und "Löwe" (Wenke) heißen sie im Original, hier changieren sie zwischen Fernsehentertainer, "Herrscher" und "Hexe"; fast im Minutentakt tauchen weitere Figuren auf. Es geht um Krieg und Kinderarbeit, um Ausbeutung, Mut und sexuelle Befreiung - und die gefährdete Natur darf auch nicht fehlen.<BR><BR>Und als ob das alles nicht schon reichen würde, finden auch noch eine veritable Adolf-Hitler-Parodie und ein Exkurs über den Prügelpädagogen Gottlob Schreber Platz in diesem Abend. Das ist alles gewiss gut gemeint und klug erdacht - und doch hätte Ehnert sich, dem Ensemble und dem Publikum so manchen Einfall ersparen sollen. So präsentiert das Quartett hier eine über weite Strecken schwer (v-)erträgliche Mischung aus knallender Comedy und Moral frontal, darf Sonja Kling beispielsweise mitten im Tohuwabohu völlig witzlos die Milliarden von Bill Gates und Karl Albrecht zur Sprache bringen.<BR><BR>Und als ob die Schauspieler die stets lauernde Schwere spüren, überschlagen sie sich in der Wahl ihrer Ausdrucksmittel, brüllen, ploppen, fiepen und quietschen - inszenieren sich als lebenden Comic, rollende Augen und kurze Schlägereien inklusive. Und doch ist es Politkabarett, nur eben ohne Rollkragenpulli. Aber auch das ließe sich (noch immer!) gut verkaufen, wenn man sich nicht beschränkte auf Variationen über den bleiernen Satz von der Menschheit, die sich einfach nicht bessern will.</P><P>Bis 14. August, außer Sonntag und Montag, um 20 Uhr.</P>

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