Preiswürdiges Denkmal

Moralisch verfault

Uwe Tellkamp hat, wie gemeldet, für seinen DDR-Roman „Der Turm“ den Deutschen Buchpreis bekommen. Der gebürtige Dresdner beschreibt eine Gesellschaft im Untergang und setzt zugleich seiner Heimatstadt ein wunderbares Denkmal.

„Die seltsame Krankheit zeichnete die Gesichter; sie war ansteckend, kein Erwachsener, der sie nicht hatte, kein Kind, das unschuldig blieb. Verschluckte Wahrheiten, unausgesprochene Gedanken durchbitterten den Leib, wühlten ihn zu einem Bergwerk der Angst und des Hasses. Erstarrung und Aufweichung zugleich waren die Hauptsymptome der seltsamen Krankheit.“ Der Leser ist schon auf Seite 890, wenn er im Teil „Finale: Mahlstrom“ Menos Diagnose der DDR liest. Meno Rohde ist eine der Hauptfiguren in Uwe Tellkamps 973-Seiten-Roman „Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land“, der im Winter 1982 auf ’83 beginnt und endet mit: „... aber dann auf einmal... schlugen die Uhren, schlugen den 9. November, ,Deutschland einig Vaterland‘, schlugen ans Brandenburger Tor:“

Die anderen beiden Zentral-Personen des Werks sind Richard Hoffmann und sein Sohn Christian, Menos Neffe. Der Bursche ist anfangs noch Schüler, aknegeplagt, ehrgeizig. Er will Abitur machen, Medizin studieren und ein berühmter Forscher werden. Am Ende ist er ein junger Soldat in der infernalischen Vernichtungsmaschinerie eines Unrechtssystems, das keinen Anstand duldet. Tellkamp (Jahrgang 1968), der selbst dem SED-Regime Widerstand entgegensetzte, führt den Leser gerade mit diesem Christian auf zutiefst beklemmende Weise in ein Schreckensgemälde. Er malt mit Worten wie Hieronymus Bosch mit Farben eine ausweglose, bizarre, vielgestaltige Horror-Welt aus seelischer und körperlicher Folter. Der Autor zeigt in sich steigernden Szenarien der Zerstörung von der stinkenden Elbe bis zur giftgetränkten Karbid-Fabrik: So wie die DDR-Herrschaft die Natur durch grauenerregende Umweltverschmutzung verseucht, so zersetzt sie die Menschen. Denn sie müssen von klein auf in für uns Kinder der Demokratie unvorstellbarem Ausmaß lügen, heucheln, sich verstellen, taktieren, misstrauen, belauschen, Verrat üben. Christian, der noch nicht ganz moralisch verfault ist, wird nur durch die Wende vor neuem Staats-Terror gerettet.

Uwe Tellkamp prügelt aber nicht von Anfang an mit dem Schrecken auf seine Leser ein. Ganz im Gegenteil. Er entführt in eine Dresdner Zauberwelt. Das einst großbürgerliche Viertel, der Turm genannt, ragt über die Stadt empor. Verwunschene Gründerzeit-Villen und schöne Gärten zieren es. Und vor allem seine Bewohner. Der Autor entwickelt liebevoll eine Personage von herrlichen, DDR-unangepassten Individualisten. Mit viel Humor beschreibt er den Alltag der „Türmer“. Die Mangelwirtschaft – wie viel davon hat man schon wieder vergessen – meistern sie mit pragmatischer Fantasie, vor der Unterdrückung flüchten sie in die Kunst und ins alte Dresden mit seiner Herrlichkeit zwischen Frauenkirche und Semperoper. In diesen Nischen überleben auch Vater Richard, der erfolgreiche Chirurg, der für Gemälde und Musik genauso schwärmt wie für Oldtimer, und Onkel Meno, Lektor, Zoologe und Dichter, den Tellkamp in Einschüben ab und an zu Wort kommen lässt.

Die Männer sind exzellente erzählerische Vehikel, um den medizinischen, wissenschaftlichen und literarischen Sektor der DDR darstellen zu können (ergänzt durch Schule, Recht, Militär, Industrie im Zusammenhang mit Christian). Eine überbordende Fülle – von Zensur über Klinik-Intrigen bis zum Forscher-Baron – breitet Tellkamp auch hier aus. Diese Masse genießt man meist mit Spannung, bisweilen amüsiert, dann schaurig fasziniert wie von einem Dschungel. Dennoch hätte eine kräftige Durchlüftung und Kürzung geholfen, der Aussage des Romans mehr Wucht zu verleihen.

Zumal „Der Turm“ ja eine hervorragende Geschichtslektion ist, die sich nicht nur vom Tod Breschnews bis zum „Wir sind das Volk“-Aufstand zieht (inklusive Schlenkern auf Nazi-Zeit, Stalinismus, Reagan, Strauß, Raketenschild oder Tschernobyl), sondern auch ins Innere von „Ostrom“ führt. Da Meno durch seine Herkunft zum Kommunisten-Adel zählt, bekommt er Zugang zu dieser abgeschotteten Polit-Zone Dresdens. Hier potenziert der Autor den Irrsinn des Arbeiter- und Bauernstaats, der das Volk krampfhaft auf Distanz hält, zu einem grotesken, grausig komischen Schloss-Albtraum Kafka’schen Ausmaßes. Kunst, Freiheitsdrang und das Dresdner Lebensgefühl rütteln endlich die Menschen aus ihm wach: Uwe Tellkamp schildert das opulent, hochgescheit und bisweilen fantasmagorisch versponnen.

Uwe Tellkamp:

„Der Turm“. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 973 Seiten; 24,80 Euro.

von Simone Dattenberger

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