Das moralische Gesetz in mir

- "Er hatte die Munterkeit eines Jünglings . . . Seine offene, zum Denken gebaute Stirn war ein Sitz unzerstörbarer Heiterkeit und Freude, Scherz und Witz und Laune standen ihm zu Gebot."Zwei Jahre studierte Johann Gottfried Herder bei Immanuel Kant in Königsberg. Die zitierte Beurteilung mag den zeitgenössischen Leser überraschen, gilt Kant, dessen Todestag sich morgen, am 12. Februar, zum 200. Male jährt, doch heute bei aller Bedeutung vielen als langweiliger Geselle. Ein Eigenbrötler sei er gewesen, heißt es oft, ein humorloser, weltfremder, in vielem ignoranter Stubenhocker; zudem mit seiner Pflichtverherrlichung der Fleisch gewordene Ausdruck verknöcherter, lebensferner "preußischer Tugenden" - das Klischee eines abgehobenen Philosophen.

<P>"Es gehört zur Kunst, das Gewöhnliche von einer Seite, da es auffallend wird, vorzustellen."<BR>Immanuel Kant<BR><BR>Und selbst Heinrich Heine witzelte, von Kant könne niemand eine Lebensgeschichte schreiben, da Kant weder ein Leben noch eine Geschichte gehabt habe Manfred Geier und Manfred Kühn, die zwei Autoren der beiden wichtigsten Bücher unter den vielen Neuerscheinungen aus Anlass des Kant-Jahres, beweisen jetzt das Gegenteil und zeichnen übereinstimmend ein ganz anderes Bild des Philosophen.<BR><BR>"In allen Grenzen ist auch etwas Positives."<BR>Immanuel Kant</P><P>"Kant hatte durchaus ein Leben", sagt Kühn in seinem äußerst lesenswerten, schön geschriebenen Buch. Sein Kant ist ein Mensch, der zwar keine Familie hatte, aber täglich in Gesellschaft zu Mittag speiste, der leidenschaftlich gern mit Freunden Billard spielte und lebhaft korrespondierte - bis nach England; denn im Kaufmann Joseph Green hatte Kant auch einen lebenslangen britischen Freund. "Kant", so Kühn, "war nicht der fischblütige Mensch, die wohlregulierte Maschine", als die er mitunter beschrieben wird. Wenn Kühn in der Einleitung formuliert, er wolle die "Geschichte von Kants intellektuellem Leben" erzählen, ist dies eine Einschränkung, die man im Verlauf des Buches nicht wiederfindet. Natürlich nimmt die Rekonstruktion und Interpretation der Philosophie breiten Raum ein. </P><P>Karrierestrategien, "Was will ich? fragt der Verstand. Worauf kommt's an? fragt die Urteilskraft. Was kommt heraus? fragt die Vernunft.<BR>Immanuel Kant</P><P>Doch Kühn erzählt chronologisch, ganz im Stil einer klassischen Biografie, und er orientiert sich hier immer direkt am Leben seines Objekts. Streitereien mit Freunden werden ebenso rekapituliert wie der von Kant selbst streng durchgeplante und über 50 Jahre kaum veränderte Tagesablauf wird beschrieben: fünf Uhr aufstehen, Vorbereitung der Vorlesungen, Schreiben, pünktlich um ein Uhr Mittagessen, Tischgespräche, sieben Uhr täglicher Spaziergang, Lesen, zehn Uhr abends pünktlich Bettruhe. Aber es wird auch erzählt, wie sehnlich der vielseitig interessierte Kant seine Tageszeitung erwartete und Diskussionen über politische Themen liebte.</P><P>Biograf Manfred Geier ist im Vergleich zögernder, der vermittelte Eindruck weniger kompakt: "Kants Welt sind viele Welten." Sein Werk hat den Vorzug zu popularisieren. Der Autor bringt dem Leser die Welt von Königsberg ebenso verständlich nahe wie das Leben des preußischen Bürgertums, Newtons Physik wie die esoterischen Theorien des "Geistersehers" Swedenborg. Wo Kühn - dessen Buch allerdings mehr als doppelt so umfangreich ist - sich im Zweifel auf Kant beschränkt, erzählt Geier tendenziell weniger von Kant und mehr von dessen Welt.<BR><BR>"Es kann sein, dass nicht alles wahr ist, was ein Mensch dafür hält; aber in allem, was er sagt, muss er wahrhaft sein."<BR>Immanuel Kant</P><P>Was wenig bekannt ist: Der am 22. April 1724 geborene, hochbegabte Sohn eines Riemermeisters war philosophisch ein "Spätzünder". Erst mit 31 Jahren habilitierte er sich, erst mit 46 wurde er überhaupt Professor, und als er das erste seiner bahnbrechenden Werke, die "Kritik der reinen Vernunft", schrieb, war er bereits 57 Jahre alt. Weil das Buch ein finanzieller Misserfolg war, dauerte es noch einmal ein knappes Jahrzehnt, bis Kant berühmt wurde.<BR><BR>Dann aber ging alles schnell. Binnen weniger Jahre erkannte man, dass Kants "kritische Philosophie" analog zur fast gleichzeitigen Französischen Revolution eine "Revolution der Denkungsart" (Kant) bedeutete. Indem er die beiden zentralen Denkschulen seiner Epoche, Rationalismus und Empirismus, gleichzeitig aus den Angeln hob und auf höherer Ebene zusammenführte, schloss Kant mit einer über 2000-jährigen Tradition ab und begründete das moderne Denken. Philosophie war für Kant nicht so sehr Lebenskunst und keine "Wesensschau" (Aristoteles), die Fortsetzung der Theologie mit anderen Mitteln. Philosophie war für ihn (Selbst-)Aufklärung und Erziehung zur Mündigkeit, Wissenschaft. Es ging Kant - bescheiden und anspruchsvoll in einem - ums Selbstdenken.<BR><BR>Nicht weniger wichtig: die Ethik, die er in der "Kritik der praktischen Vernunft" entwickelte und die darauf beruht, dass der Mensch frei ist, ethische Entscheidungen und Normen also nur noch auf sich selbst gründen kann. Außer dem "gestirnten Himmel über mir", also dem Glauben, gebe es nur "das moralische Gesetz in mir", die Pflicht, die die Vernunft gebietet.<BR><BR>Kant fasst das in zwei Grundsätzen zusammen. Der unpräzisere ist die "Goldene Regel", die sich in der Frage "Und wenn das alle täten?" ausdrückt. Strenger ist der "Kategorische Imperativ", den er mehrfach und immer wieder leicht abgewandelt formuliert hat: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Man erkennt schon in der Formulierung, dass Ethik bei Kant wenig mit einem "moralischen Gefühl", sondern sehr viel mit gesetztem Recht und Politik zu tun hat.<BR><BR>"Das Recht muss nie der Politik, wohl aber die Politik jederzeit dem Recht angepasst werden."<BR>Immanuel Kant</P><P>Gerade hier - da sind sich Kühn und Geier in ihren gleichermaßen hervorragenden Werken einig - bleibt der "Alleszermalmer" Kant wichtig. Vom Kopftuchstreit bis zu den offenen Fragen der Bioethik ist sein Denken ein nützlicher Ratgeber. Dessen Kontinuität liegt im Misstrauen gegenüber den Mächtigen in Politik und Kirche, in der Beharrlichkeit, mit der er streitlustig gegen die Anmaßungen des Halb- und Nichtwissens zu Felde zog. Kant verabscheute nichts mehr, als Fundamentalismen, Zensur und Denkverbote aller Art und hielt zeitlebens an der Unabhängigkeit der individuellen Vernunft fest. Darin ist er aktueller den je.</P><P>Manfred Kühn: "Kant. Eine Biographie". Beck Verlag, München. 640 Seiten, 29, 90 Euro.</P><P>Manfred Geier: "Kants Welt. Eine Biographie". Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg. 350 Seiten, 24, 90 Euro.</P>

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