Moralische Instanz oder Verweigerung

- Moral oder Event - welche Rolle kommt heute dem Theater zu? Diese Frage stellte sich die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt anlässlich ihrer Herbsttagung. Darüber diskutierten u. a. die Regisseure Andrea Breth (Wiener Burgtheater) und Lars-Ole Walburg (Basel), Dramaturg Carl Hegemann (Berliner Volksbühne) sowie Intendantin Elisabeth Schweeger (Schauspiel Frankfurt).

<P>Es ging um den angeblichen Bedeutungsverlust des Theaters. Die Suche nach dem schnellen Erfolg, die Konkurrenz durch das Fernsehen und die fehlende Leselust vor allem junger Menschen seien Schuld daran. Wobei die Diskutanten so taten, als wären diese Dinge etwas Neues. Tatsache ist vielmehr, dass sich das Theater seit 2000 Jahren in permanenter Krise befindet und nur aus dieser Krise heraus weiter lebt, weil es immer wieder gezwungen ist, sich zu erneuern.</P><P>Aber worin besteht die Erneuerung? Wie kann sie vollzogen werden? Darüber gibt es so viele unterschiedliche Ansichten wie es Inszenierungen gibt. Eine Annäherung der Diskussions-Protagonisten ist denn auch nicht zu erwarten.</P><P>Von Interesse aber sind die hier formulierten Standpunkte. Regiekönigin Andrea Breth vom Wiener Burgtheater, geschätzt dafür, dass sie sehr genau in die Texte der Dichter hineinhört, über die Arbeiten ihrer fixen Konzept-Kollegen: "Da ist mir viel zu viel Ego im Gange." Über die ungenügende Prüfung der Texte: "Wir sind uns viel zu schnell sicher, was der Autor meint." Und zum angestrebten raschen Event-Erfolg: "Da muss ständig Frischfleisch an die Rampe." Breth beklagt den Verschleiß junger Autoren und Schauspieler. Und sie plädiert für ein Theater als moralische Instanz, als "das literarische Gedächtnis gegen die Beliebigkeit".</P><P>Hegemann, den Frank Castorf als seinen Vertreter nach Darmstadt entsandte, konnte mit Breths Anspruch gar nichts anfangen. "Das wirkliche Theater findet im richtigen Leben statt", so Hegemann. Die Volksbühne reagiere darauf mit Verweigerung. Die Schauspieler spielten dort nicht, sondern lebten. "Die Regisseure sind die wahren Gegenwartsautoren."<BR>Und der aus Basel angereiste Walburg - an den Münchner Kammerspielen vertreten durch "Dantons Tod" und "Antigone" - weist alle pädagogischen Ansprüche an das Theater zurück: "Wir können nicht die Schieflage von Pisa gerade rücken."</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Das Residenztheater bietet der Welt eine Bühne
Die Welt zu Gast bei Freunden: An diesem Wochenende hat „Welt/Bühne“ Premiere im Marstall. Wir sprachen über das internationale Autoren-Projekt mit Sebastian Huber, …
Das Residenztheater bietet der Welt eine Bühne
Kris Kristofferson im Circus Krone: Country und Folk im Punkrockformat
Am Dienstag speilte Kris Kristofferson im nicht ganz ausverkauften Circus-Krone. Statt vieler Ansagen gab es ein ambitioniertes Pensum an Songs. Trotzdem fehlte dem …
Kris Kristofferson im Circus Krone: Country und Folk im Punkrockformat
Weltkino mit rabenschwarzem Humor
158 Produktionen aus 43 Ländern sind beim Münchner Filmfest vom 28. Juni bis 7. Juli zu sehen – der Vorverkauf hat begonnen.
Weltkino mit rabenschwarzem Humor
Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette
Wie andere könnte man sich über die Operette lustig machen. Oder man nimmt den „Tapferen Soldaten“ so ernst wie Peter Konwitschny bei seinem späten Debüt am …
Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.