Morbide Engel

- Ach, wenn der Tod so spöttisch leicht und amüsant wäre! Franz Wittenbrinks Liederabend "Denn alle Lust will Ewigkeit", 1999 bei den Salzburger Festspielen bejubelt, ist nun auch in den Münchner Kammerspielen angekommen. Und wieder toste der Applaus. Wen wundert's ­ Lust altert eben nicht. So sind also jetzt die sinnenfrohen Ladies Caroline Ebner, Wiebke Puls und Anne Weber erneut aus ihrer Gruft gestiegen, um sich zwischen Brahms und den Beatles, Richard Strauss und Sting (es sind 35 Lieder!) romantischer Todessehnsucht zu ergeben ­ und natürlich auch hinreißend burschikos und erotisch ihren Spaß damit zu haben.

Bleicher Teint, Blutrinnsal an der Lippe und ein zu mächtigen Rasta-Locken verfilzter Haarschopf (Kämme sind da unten rar) ­ sonst sind Wittenbrinks Jenseits-Grazien anmutig konserviert. Kaum haben sie den Totenstaub aus Pumps und Pulswärmer geschüttelt, frotzeln sie schon mit "Auf einem Baum ein Kuckuck", zersingen das Volkslied zum hitzigen Weibergezänke, das gelegentlich auch zu Handgreiflichkeit ausarten kann. Macht nix, wenn mal ein Genick ausgerenkt ist.

Bei laut knarzendem Halswirbel ist das schnell repariert. Im Trio friert man sich mit Henry Purcell zu Tode. Und gackert gleich darauf gottvoll komisch Peter Kreuders "Ich wollt, ich wär ein Huhn". Es geht hin und her zwischen elegisch und poppig, sakral und jazzig. Zwischen ernster schöner Romantik-Wehmut ­ und genau so schöner Ironie. Denn schließlich haben diese frechen Sisters nichts zu tun mit den "Wilis" des wenn auch hier vier Mal zu Worte kommenden Heinrich Heine: jenen jung verstorbenen Bräuten, die nächtens ihre treuebrüchigen Männer rächend zu Tode tanzen. Halt, ein bisschen doch, wenn Stefan Merki ihnen ­ umwerfend ­ als gurrender Elvis, Rüschenhemd über der Brust aufgerissen, ins Gehege kommt. Zwischen Tango-Wiege und Bebop-Über-die-Schulter-Wurf wird er von diesen post-Wilis recht gezaust.

Regisseur Wittenbrink hat Nietzsche beim Wort genommen: "...ihr höheren Menschen, l e r n t mir ­ lachen!" sagt Nietzsches Zarathustra am Ende von Band IV, dessen Schlussgedicht Wittenbrink auch den Titel und einen Liedtext lieferte. Salzburgs Innenhof der Residenz hatte zwar die ganz spezielle Freiluftatmosphäre. In den Kammerspielen rücken dafür die Künstler näher an uns heran, auch schon mal hautnah, wenn diese Superfrauen liebeslustig ins Parkett klettern: Anne Weber (als Gast), eine zarte Elfe in den getragenen englischen Liedern. Wiebke Puls, die Rastawuschel-Powerfrau mit dem Jazzsamt in der Stimme. Caroline Ebner, so ein kleiner Satansbraten, frech wie Nina Hagen, grotesk wie Valeska Gert.

Singen können sie engelsgleich, soulig und morbide verführerisch, ob alleine oder gemeinsam. Und die "Friedhofsgängerin" Doris Schade, in deren altersweisen schönen Zügen ein Immer-Jungsein leuchtet, zwitschert am Ende leise "I can‘t get no satisfaction" ­ und kehrt verschmitzt die Asche auf, nachdem die drei, puff, mit großer Stichflamme wieder in der Gruft verschwunden sind. Mit Friedrich Paravicini am Cello und Wittenbrink wie immer selbst am Klavier ein musikalisches Fest, das natürlich mit Zugaben ausklang.

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