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„Mord im Orient Express“: Kenneth Branaghs packendes Remake von Agatha Christies Klassiker

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Von: Katja Kraft

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Kenneth Branagh als Hercule Poirot in „Mord im Orient Express“
Kenneth Branagh als Hercule Poirot: die ideale Mischung aus Witz, Genialität und Korrektheit vereint © Nicola Dove

Kenneth Branagh hat Agatha Christies Krimi-Klassiker „Mord im Orient Express“ neu verfilmt. 2017 ist ihm damit ein geniales Detektivspiel mit prächtigen Bildern gelungen. Zu sehen bei Disney+, Apple TV, YouTube, Google Play und Amazon Prime Video.

Am Ende werden sie selbst zu Richtern. Hercule Poirot (Kenneth Branagh) hat sie aufgereiht, wie zwölf Geschworene platziert. Also: Wer ist nun der Mörder? Sprecht euer Urteil! Einer von ihnen muss es gewesen sein. Denn sie alle waren Passagiere des Orient-Express, als darin ein Mord geschah. Und wenig später gar ein zweiter versucht wird. Diese Szene kurz vor Schluss macht deutlich, warum „Mord im Orient-Express“ besser ist als alle bisherigen Verfilmungen des Stoffes von Agatha Christie. Ein Klassiker bleibt Sidney Lumets Adaption mit Lauren Bacall und Albert Finney aus dem Jahr 1974. Aber vergleicht man diese mit dem, was Hauptdarsteller und Regisseur Branagh nun aus der literarischen Vorlage gemacht hat, darf man ketzerisch festhalten: Der Vorgänger wirkt gegenüber dem Neuling wie eine juckelnde Regionalbahn gegenüber dem Transrapid.

Natürlich hat Branagh ganz andere technische Möglichkeiten. Prachtvoll die Landschaften, durch die sich der edle Zug schlängelt – vom Tausendundeine-Nacht-verzauberten Istanbul durch irre schneegetüpfelte Gebirge. Während man bei Lumets Werk angesichts der grau-braunen Kulisse am Schienenrand nie so recht verstanden hat, was denn nun den Reiz einer solchen Reise ausmacht, liefert Branagh die Erklärung mit diesen herrlichen Aufnahmen auf dem Silbertablett. Und platziert darauf obendrein ein Ensemble von Judi Dench und Michelle Pfeiffer bis Johnny Depp, die Champagner-gleich fürs nötige Prickeln sorgen.

Kenneth Branagh gelingt es, Agatha Christies literarische Finessen filmisch fortzuführen

Vor allem aber haben der Regisseur und sein Kameramann Haris Zambarloukos eine Heidenfreude daran, Agatha Christies literarische Finessen filmisch fortzuführen. Am 10. Februar 2022 startet ihr nächstes Agatha-Christie-Remake, „Tod auf dem Nil“, in den Kinos. Die Britin ist ja deshalb die Königin der Kriminalromane, weil sie nicht literweise Blut benötigt, um Spannung zu erzeugen. Der Thrill entsteht durch das Miträtseln, bei der Suche nach den passenden Puzzleteilen, bis nur noch eine letzte Lücke bleibt – in die man mit befriedigtem Lächeln das übrig gebliebene Plättchen setzt. Fall gelöst.

Bis es so weit ist, legt uns die Autorin immer neue Fährten, die zum möglichen Mörder führen könnten. Kenneth Branagh übernimmt das mit geschickten Kameraeinstellungen und dem raffinierten Arrangieren seiner Akteure – hier ein konspiratives Zunicken, dort ein fragender Blick, hier ein übertriebenes Lachen, da ein Rotwerden –, sodass selbst, wer das Buch gelesen, wer die vorherigen Filme gesehen hat, wer also meint, das Ende zu kennen, sich davon mitreißen lässt und hinterfragt: Ja, wer ist denn nun der Mörder?

„Mord im Orient Express“: Selbstjustiz als Tatmotiv

Zurück zur beschriebenen Schlussszene. Die potenziellen Täter als „Geschworene“ – was für ein passendes Bild! Denn hat sich der Schuldige doch tatsächlich wie ein Laienrichter verhalten, als er oder sie den Mord beging. Selbstjustiz als Tatmotiv. Am Ende filmt die Kamera die Zuginsassen ein letztes Mal, von außen. Und verdeutlicht damit: Mag man für einen Racheakt durch geschicktes Verschleiern auch nicht ins Gefängnis kommen, gestraft ist man ein Leben lang. Und bleibt Gefangener im Herzen.

Schon zu Beginn wählt die Kamera diese Perspektive: Von Fenster zu Fenster nimmt sie uns mit, gibt uns von außen Sicht auf die verschiedenen Figuren dieses psychologischen Spiels. Der Mord geschieht in der Nacht, als sich eine Schneelawine löst und den Zug zum Stehen zwingt. Ab jetzt sind sie alle verdammt, gemeinsam auszuharren. Was das mit einer Gruppe macht, wie nach und nach die Charaktereigenschaften eines jeden Einzelnen zum Vorschein kommen, wie sich eine Dynamik zwischen den Personen entwickelt, beobachtet Branagh genau. Viel stärker als in den Adaptionen zuvor wird die Angst heraufbeschworen, die bei dem Wissen entsteht, dass ein Mörder an Bord ist. Und niemand weiß, wann er wieder zuschlägt. Es hat ja schon mehrere Poirot-Darsteller gegeben, doch Branagh gelingt es hier, genau die Mischung aus Witz, Genialität und Korrektheit zusammenzubringen, die es braucht, um die scheinbar perfekten Verbrechen aufzuklären, die die große Agatha Christie in ihrer Fantasie konstruierte.

Nun hat Kenneth Branagh „Tod auf dem Nil“ verfilmt

Michael Green hat ihm und allen anderen dazu die passenden Sätze ins Drehbuch geschrieben, voll von Cleverness, Biss – und im Hintergrund ein stetes, sanftes Schaukeln. Am Ende wird Poirot zum Nil gerufen. Da wartet bereits die nächste Leiche auf ihn. Wir ahnen schon und können es kaum erwarten zu erfahren, wohin diese Reise führt.

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