Der Mord und die Todsünden

- Am Anfang der Schock. Nicht dass der sympathische Dottor Carlotti die unsympathische Maria Grazia Battestini in einem bereits ziemlich "anrüchigen" Zustand vorfindet, erschüttert den treuen Donna-Leon-Leser - schließlich erwartet er ja so etwas -, sondern dass ein ganz und gar patziger, flegelhafter und dilettantischer Polizist die Ermittlungen aufnimmt. Das wird doch nicht "unser" Commissario Brunetti sein? Ist er bei seinem 13. (!) Fall, "Beweise, dass es böse ist", von Schöpferin Donna Leon in einen anderen verwandelt worden? Nein.

<P>Aufatmen beim Leser. Es handelt sich bei dem kriminalistischen Trampeltier um Tenente Scarpa, jenen Fiesling, den wir als marginale Erscheinung der unangenehmen Art aus den anderen Romanen kennen.<BR><BR>Scarpa vermurkst alles an dem Fall der Battestini, der man den Schädel eingeschlagen hat. Leon zeichnet sie als fürchterliche alte Fettel: ungepflegt, rücksichtslos und unsagbar geizig. Als 24-Stunden-Fernseh-Glotzerin bei voller Lautstärke hatte sie nicht nur ihre Nachbarschaft terrorisiert, sie versklavte auch ihre Haushälterinnen. Arme Frauen aus Osteuropa, die als Illegale ihrer Willkür ausgeliefert waren. So auch Florinda Ghiorghiu. Auf sie fällt sofort der Verdacht des stumpfsinnigen Tenente. Als angeblich flüchtige Mörderin wird sie ein zweites Mal zum Opfer: tödlicher Ausgang einer sinnlosen Treibjagd unter den Rädern eines Zuges.<BR><BR>Elegante Parasiten</P><P>Donna Leon greift wieder ein soziopolitisches Thema auf; eines, das wir alle kennen. Ausbeutung der Ausländer. Man braucht sie, will sie gleichzeitig nicht im Land haben. Nüchtern, kalt, ja fast ein wenig verzweifelt schildert die Autorin das unzerreißbare Geflecht, das die Parasiten dieser Schizophrenie gewoben haben. Battestini ist Nutznießerin, aber noch viel mehr ihre elegante (Un-) Rechtsanwältin. Da muss schon einer ihr Hunderl vergiften wollen, damit sie Gefühl zeigt. Was sind dagegen Menschen . . .?<BR><BR>Brunetti geht mit seinen Getreuen, Signorina Elettra und Vianello, der Sache natürlich auf den Grund. Nachdem eine Zeugin aufgetaucht ist, die klar stellt, dass die Verdächtigte unschuldig sein muss, rollt er den Fall auf. So wie ihn die Leser lieben, arbeitet Brunetti auch jetzt: gründlich, psychologisch einfühlsam, zäh und nicht einzuschüchtern. Was Donna Leon neben dem Kapitalverbrechen, das die Justiz verfolgen kann, herausschält, ist ein moralisches Ge-/Verbot, ist eine Todsünde. Theoretisch angesprochen wird das in Tochter Chiaras Religionsbuch. Aber Brunetti erkennt in seinem Fall die Wahrheit dieser Kategorie: Die Todsünden Habsucht, Neid und Laster töten Körper und Seelen. Und weil er und seine Verfasserin sinnenfrohe Menschen sind, diskutieren sie solch ethische Fragen wie in jedem Roman mit einem Glas Wein in der Hand nach einem Essen mit feinem Lammragout oder großer Fischplatte.</P><P>Donna Leon: "Beweise, dass es böse ist". Aus dem Amerikanischen von Christa E. Seibicke. Diogenes Verlag, Zürich, 329 Seiten; 19,90 Euro.<BR>.<BR></P>

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