Mord im Wasserbecken

Metropol-Theater: - Er will das Unmögliche. Helicon, sein Vertrauter, möge ihm, Caligula, den Mond bringen. Und am Schluss, bevor Helicon, der aus dem Sklavenproletariat Aufgestiegene, seinem Herrn das Genick bricht, überreicht er ihm hämisch eine kleine Pappsichel. In dem Moment weiß der Kaiser allerdings längst, dass er gescheitert ist.

Doch den Versuch fand er für wert: der Willkür des menschlichen Lebens den eigenen Willen entgegensetzen, die eigene, grenzenlose, maßlose Freiheit. Es war auch den Versuch wert, dieses dramatische Gedankenexempel wieder einmal auf die Bühne zu bringen. 1964 war in München in dieser Rolle immerhin Thomas Holtzmann zu sehen. Jetzt inszenierte Jochen Schölch für sein Metropol-Theater Albert Camus‘ "Caligula".

Die Titelfigur des Dramas, 1945 in Paris uraufgeführt, ist das Musterexemplar eines grausamen Diktators. Doch der Antrieb zu Mord und Schändung ist nicht politisch motiviert ­ nach dem Krieg wurde das Stück vielfach in Bezug auf Hitler und Stalin ausgelegt ­, sondern einzig aus der Tatsache, dass sich für Caligula die Welt als verlogen und absurd darstellt. Und so führt der Jüngling seinen Hofstaat, die Patrizier und Dichter, Ehefrauen und Mätressen, wie Marionetten am Gängelband, das ihnen, sobald er es will, zum tödlichen Strick wird.

Dieses Lebensgefühl des pubertären Kaisers, seine Selbstverliebtheit, das Sich-Aufspielen zur Gottheit, Caligulas Hass auf die Kriecher, Schleimer und Angsthasen um ihn herum ­ das alles macht das Stück zu einem in seiner Dialektik interessanten szenischen Disput, den Regisseur Schölch in teilweise betörende Bilder und Handlungen umgesetzt hat.

Quint Buchholz schuf dafür einen fantastischen hellen, weiten Raum. Die alten Stützpfeiler des früheren Kinosaals verwandelte er in weiße römische Säulen. Im Hintergrund die Andeutung eines antiken Palastes. In der vorderen Spielfläche ein eingelassenes Wasserbecken, das u.a. die Funktion der von Camus vorgeschriebenen Spiegel übernimmt.

In dieser Aufführung gibt es grandiose Momente, die sich einprägen: wenn sich etwa in der Fiktion Caligulas Mucius‘ Frau (Judith Toth) für einen Augenblick in die verstorbene geliebte Drusilla verwandelt; wenn Mucius (Martin Dudek) die schöne Gattin nach ihrer Schändung durch den Kaiser ertränkt oder wenn Caligulas Jagd nach absoluter Freiheit in eine Hetzjagd ums Bassin mündet. Gut hat Schölch seinen Schauspielern über die Sprödigkeit ihrer Rollen hinweggeholfen.

Dennoch ist er mit dieser Inszenierung nicht auf der Höhe seiner theatralen Möglichkeiten sowie der gedanklichen Vorgaben des Stücks. Denn der Aufführung fehlt das schauspielerische Zentrum, das der Caligula sein müsste. Philipp Moschitz aber, selbst ja noch Schauspielstudent, ist mit dieser Rolle total überfordert. Da können dann auch so profunde Metropol-Protagonisten wie der hervorragende Thomas Meinhardt (Helicon) und der kluge Bernhard Letitzky (Cherea) nicht allzu viel retten.

Tel. 089 /32 19 55 33

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette
Wie andere könnte man sich über die Operette lustig machen. Oder man nimmt den „Tapferen Soldaten“ so ernst wie Peter Konwitschny bei seinem späten Debüt am …
Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette
Waka waka: Shakira bringt die Olyhalle zum Ausflippen
Popstar Shakira hat am Sonntagabend in der ausverkauften Olympiahalle die Massen zum Ausflippen gebracht. Die Kritik:
Waka waka: Shakira bringt die Olyhalle zum Ausflippen
Andreas Gabalier im Olystadion: Volks-Rock-Party vor vollem Haus
Er hat es wieder getan: Andreas Gabalier hat zum dritten Mal in Folge das ausverkaufte Olympiastadion gerockt. Lesen Sie hier unsere Konzertkritik vom Samstagabend.
Andreas Gabalier im Olystadion: Volks-Rock-Party vor vollem Haus
Tiefe Trauer um den „Guttei“
Nicht nur in der Gemeinde Neubeuern sitzt der Schock tief: Der Chorleiter und begeisterte Dirigent Enoch zu Guttenberg ist im Alter von 71 Jahren gestorben. Lesen Sie …
Tiefe Trauer um den „Guttei“

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.