"Moshammeroper" uraufgeführt - Modemacher als Pfau ohne Fächer

Berlin - Daisy stinkt. Niedlich ist der Plüschhund überhaupt nicht mehr. "Total verrupftes Vieh", ruft die Hauptfigur der "Moshammeroper", die am Donnerstagabend in Berlin ihre Uraufführung erlebte. Auf der Bühne muss der Opernheld, ein Herrenschneider in Anlehnung an die wirkliche Figur Rudolph Moshammer, allerhand einstecken.

Er verliert in dem Stück seine Eltern, sein Stern als Glamourfigur der städtischen Schickeria erlischt, und die Klatschjournalisten hauen ihn in die Pfanne.

Der erste Auftritt des Helden ist standesgemäß er gibt den Märchenkönig. Schließlich heißt er in der Oper Ludwig, nach dem bayerischen "Märchenkönig" Ludwig II. In giftgrünem Samtanzug und lila Hemd und Krawatte geht er durch den Saal der Neuköllner Oper. Er geht von einem Himmelbett mit goldenem Vorhang über einen Laufsteg mit rotem Teppich, der quer durch das Publikum verläuft. Doch der schöne Schein der Anfangsszene täuscht. Die "Moshammeroper" mündet in eine Tragödie. Der gescheiterte Märchenkönig steigt am Ende gedemütigt und vereinsamt - zurück in das Himmelbett, zieht den goldenen Vorhang zu und wird von einem Strichjungen erdrosselt.

Wie es auf der Opernbühne ist, so war es im wirklichen Leben ähnlich: Rudolph Moshammer wurde im Januar 2005 in seiner Münchner Villa ermordet aufgefunden. Er war fast vierzig Jahre lang Besitzer einer exklusiven Modeboutique, in dem die Münchner Schickeria verkehrte. Librettist Ralph Hammerthaler interessierte besonders der Widerspruch zwischen der Glamourfigur und dem einsamen Privatmenschen Moshammer.

Den Vorgaben seines Autors folgend inszeniert Regisseur Robert Lehmeier ein düsteres Drama eines vereinsamten Menschen. Der niederländische Komponist Bruno Nelissen vertonte den Text mit zeitgenössischer Musik in der Tradition der Zwölftonmusik Arnold Schönbergs. Nur gelegentlich stimmen Streicherquartett und Trompeter Klassik-Töne an, die sich rasch wieder in dissonante Klänge auflösen. Als einzig eingängige Melodie stimmt die Trompete in der Mitte der 90-minütigen Oper Richard Wagners "Walkürenritt" an und begleitet damit ausgerechnet sinnloses Hundekläffen.

Der junge Sänger Hubert Wild als Moshammer alias Ludwig überzeugt durch Klangvolumen und auch mit seiner Körpersprache. Alle Charaktere sind überzeichnet. Die Klatschreporterin heißt Klette, die "Oberschichts-Tussi" von Klunker, die Mutter Engel. Zwei längere Arien, die doch eher rhythmisch gesprochene Monologe sind, nehmen einen zentralen Platz in der Handlung ein: Das Geständnis des Mörders (eher schwach: Markus Vollberg) und das Selbstgespräch von Ludwig vor dem Spiegel, der nach dem Tod der Mutter symbolisch das Kruzifix verdeckt und zugleich ersetzt.

Moshammer war der Öffentlichkeit für seinen Oberflächenkult und seine Selbst-Performance bekannt. Die moderne Kammeroper lässt aus der aufgeblasenen Kunstfigur die Luft raus und zeigt den Paradiesvogel zum verzweifelten Privatmenschen geschrumpft. Der Pfau hat seinen farbenprächtigen Fächer eingefahren und ist bloß von hennenartiger Gestalt. Spuren von Ironie und Witz sind aus dem Stück radiert, um dem Drama über die schrille Person Moshammer die nötige Ernsthaftigkeit zu verleihen. Ein bisschen mehr Leichtigkeit hätte gut getan trotz des tragischen Schicksals Moshammers. 

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