Moskauer Luxusgier

- Sie gilt als Russlands Krimiautorin Nr. 1. Übertrieben oder nicht, Polina Daschkowas Roman "Russische Orchidee" ist blendend geeignete Lektüre für den Erkältungs-Zwangsurlaub im Bett. Nach drei Tagen mit Untersuchungsführer Borodin in Moskaus Milieu der neuen Reichen, Kleinganoven und Schwerverbrecher-Mafia ist man mit dem Schmöker durch - und wieder auf dem Damm.

<P>Neben der Leiche des über Skandal-Talkshows auf der Karriere-Leiter hochgekletterten TV-Moderators Butejko wird ein schlafender Mann gefunden - die Tatwaffe in der Hand. Ein Vergeltungsakt anscheinend: Butejko, ständig auf Pump, schuldete dem verdächtigen Mörder  3000  Dollar.  Fader Routinefall also? Nein, endlich ist Borodin, sympathisch umflort von der Aura des bedächtigen Ermittlers so wie einst Jean Gabin als Leinwand-Kommissar, mal an einem aufregenden Fall dran.</P><P>Die Jagd nach dem Diamanten "Pawel"</P><P>Und den baut die Autorin immer komplizierter auf, mit filmschnittartig gewechselten Schauplätzen und neu eingeführten Personen: Pnyrja, der den zum Milizionär aufgestiegenen ehemaligen Kumpel aus dem Plattenbau-Slum Wassili (dieser hat ihn einst verpfiffen) unter Mordandrohung erpresst. Wassili, auch ein Ekelpaket, muss seine Freundin Warja, seelisch kaputtes Vergewaltigungsopfer und von ihm vorm Selbstmord gerettet, auf den Vize-Finanzminister Dimitri Malzew ansetzen. Weil nämlich dieser Schmuck-besessene Malzew just hinter dem berühmten, in eine Orchideenbrosche eingearbeiteten Diamanten "Pawel" her ist, den Pjyrna auch haben will - und ihn am Ende auch kriegt. In einer Art Tauschhandel: Die spionierende Warja spielt ihm die nötigen Informationen zu und darf dafür unbehelligt ihren Dimitri zwecks Ehebund behalten.</P><P>Die plötzliche Auflösung dieses Kriminalfalls gegen Ende der 435 Seiten hinterlässt Erklärungslöcher. Auch vorher schon sind Situationen, logisch-kriminalistisch gesehen, etwas wackelig konstruiert. Und Personen, die zu Beginn involviert waren wie der erste Mordverdächtige, der unschuldige Anissimow, werden gar nicht mehr erwähnt. Da ist der Autorin doch ein bisschen die detektivische Puzzle-Puste ausgegangen. Sei's drum. Daschkowa erzählt spannend, in einem Stil, der sich nicht eitel aufschmückt und doch Atmosphäre schaffen kann.</P><P>Die Orchideenbrosche, von einer Gräfin Paurier 1880 in Auftrag gegeben, ist der klug gewählte Anlass, um immer wieder spannend romanhaft, Lovestorys inklusive, zurückzublenden zu Russlands feudalen Zeiten, zu Revolution, Krieg und Flucht der Adeligen. Und anhand ihrer Gegenwarts-Akteure - die geschickt mit historischen Figuren, aber auch untereinander in beruflicher oder freundschaftlicher Beziehung stehen - zeichnet sie die dunkle Seite des prekären "neuen Russland".</P><P>Jeder hangelt sich auf seine Weise nach oben: Die kleinen kriminellen "Mitläufer" lassen sich für ein paar Dollars in dunkle Geschäfte hineinziehen. Die Mafiosi morden kaltblütig. Und die feine Gesellschaft lässt halt andere, ehemalige KGBler zum Beispiel, Wahrheitsdrogen und zwecks Erpressung getürkte Pornovideos einsetzen. Der Diamant "Pawel" ist nur eine Metapher für die flächendeckend grassierende Hab- und Luxusgier. Übrigens: Der Leser "weiß" am Ende - aber Borodin ist nur ein kleiner Fisch ins Netz gegangen. Warja, Dmitri und vor allem Pjyrna geht's ja prächtig . . . Was Daschkowa nun damit wohl noch sagen wollte?</P><P>Polina Daschkowa: "Russische Orchidee". Aus dem Russischen von Margret Fieseler. Aufbau Verlag, Berlin. 435 Seiten, 20 Euro.</P>

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