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Moskauer Finale: Kent Nagano mit dem Bayerischen Staatsorchester im Tschaikowsky-Konzertsaal.

Der Moskauer Millionen-Klang

München -Mit einem umjubelten Konzert ist die ausgedehnte Europa-Tournee des Bayerischen Staatsorchesters zu Ende gegangen. Erstmals gastierte das Ensemble in Moskau. Am Pult: Kent Nagano

Sieben mussten daheim bleiben. Weil die Einreise zu aufwändig gewesen wäre. Zu gefährlich, zu zeitschluckend. Jedes Instrument braucht ja für den russischen Zoll einen Pass mit allen technischen Daten inklusive Fotos und Wertangabe plus nervtötender Kontrolle, da ließen die Kontrabassisten ihr Arbeitsgerät lieber gleich in München. Ersatz gab es von den Kollegen aus Moskau. Und geklungen hat der, wie in Bruckners siebter Symphonie zu hören war, durchaus vertretbar.

Ein Tourneefinale vor allem der verbalen Superlative war dieser Abend. Einen „historischen Moment“ gar vermochte Chefdirigent Kent Nagano zu erkennen. Womit wohl weniger die Interpretation gemeint war, eher die Bilanz seines Bayerischen Staatsorchesters. Erstmals in der fast 500-jährigen Geschichte des Klangkörpers gastierte man in der russischen Hauptstadt. Nun ist das Münchner Opernorchester zwar kein emsiges Reisee-Esemble wie die Konkurrenz von den Philharmonikern, vor allem vom Bayerischen Rundfunk. Aber gesehen hat man doch einiges von der Welt, gerade in der Ära Nagano. Die aktuelle Tournee war dabei eine der arbeitsreichsten. In elf Etappen und eng getaktet kreuzte man durch Europa. Baden-Baden stand auf dem Plan, Berlin, Besançon, Gent oder Rimini – und eben das große Moskauer Finale im Tschaikowsky-Konzertsaal. Außen ein trutziges Schmutzbeton-Gebäude an einer der mehrspurigen Alleen, auf denen die Stadt ihre täglichen Verkehrsinfarkte erleidet.

Nach der Pause dann Bruckners Siebte

Drinnen ein in steilen Sitzreihen ansteigendes Amphitheater, dessen Fünfziger-Jahre-Schick den Charme des russischen Staatszirkus verbreitet. Der Klang: akzeptabel. Vielleicht sogar eher etwas für Kammermusik, wie die 23 Streicher in Richard Strauss’ „Metamorphosen“ vorführten. Unter Nagano erwartungsgemäß keine tönende Tränentour eines gealterten Komponisten durchs Weltkriegs-zerstörte München, sondern eine schmucklose bis intensive Strukturstudie. Und die machte bei einigen Besuchern mehr Eindruck als die Deutung desselben Werks kurze Zeit zuvor durch den hiesigen Musik-Zaren Valery Gergiev. Was deutsch und echt, so in etwa die Meinung im Foyer, erfahre man doch erst durch die Münchner. Nach der Pause dann Bruckners Siebte, die unter der knalligen, direkten Akustik ein wenig litt. Typisch Nagano auch hier die klare, mätzchenfreie Sicht auf den Koloss, vom Publikum im ausverkauften Saal mit rhythmischem Klatschen gefeiert. Was übrigens Staatsintendant Nikolaus Bachler nicht mitbekam: Er weilte am selben Tag lieber in der New Yorker Met, wo die Saison mit Wagners „Rheingold“ eröffnet wurde.

Was er verpasste: wie das Staatsorchester dank solcher Tourneephasen zusammenwächst. In Sachen Klangbewusstsein, Feinabstimmung und solistischen Qualitäten können die Opernmusiker ihren Kollegen aus den Symphonieorchestern erhobenen Hauptes entgegentreten. Spielt das Ensemble schon in den Münchner Akademiekonzerten meist in besserer Form als im Graben, schwingt in Moskau noch anderes mit: ein sehr gesundes und eben auch berechtigtes Selbstbewusstsein. „Diesen Klang kann man nicht für Geld kaufen, nicht für Millionen Dollar“: Nur aus dem Munde des leisen Kent Nagano ist das nicht als Marktschreierei misszuverstehen.

von Markus Thiel

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