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Der US-Schauspieler Philip Seymour Hoffman ist Im Februar an einem tödlichen Mix aus Drogen und Medikamenten gestorben. Sein letzter Film "A Most Wanted Man" startet nun im Kino.

"Jeden Tag genossen"

Regisseur: So war der letzte Dreh mit Seymour Hoffman

München - "A Most Wanted Man" startet im Kino: Regisseur Anton Corbijn über seine Arbeit mit dem verstorbenen Philip Seymour Hoffman, für den es der letzte Film war.

Berühmt wurde er als Fotograf durch seine legendären Künstlerporträts, mit denen er das Image von Bands wie Depeche Mode und U2 entscheidend prägte. Mit „Control“ und „The American“ hat sich Anton Corbijn auch als Spielfilmregisseur etabliert. Beim Filmfestival von Deauville sprachen wir mit dem 59-jährigen Niederländer über seine Le-Carré-Verfilmung „A Most Wanted Man“ (nach dem Roman „Marionetten“), die am Donnerstag in unsere Kinos kommt.

John le Carré war selbst jahrelang als Spion tätig und hat nun Ihren Politthriller koproduziert. Hat er Ihnen reingeredet?

Er hat mir wertvolle Tipps gegeben. Viele Leute glauben ja, der Agenten-Alltag sähe so aus wie bei James Bond oder Jason Bourne. Doch John le Carré hat mir klargemacht, dass die Spionage in Wahrheit eine sehr banale, unspektakuläre Arbeit ist, bei der es oft nur ums Herumsitzen, Warten und Beobachten geht. Und er hat erzählt, dass die Auftraggeber in den Büros der Geheimdienste ein besonderes Vertrauensverhältnis zu ihren Informanten aufbauen müssen: Manchmal müssen sie zugleich Vater, Freund und Liebhaber sein.

Der Roman „Marionetten“ entstand aus Wut über die Reaktion der Bush-Regierung auf die Anschläge vom 11. September 2001. War das auch die Motivation für Ihren Film?

Regisseur Anton Corbijn

In gewisser Weise ja. Ich finde, wir sollten die Antworten der USA auf den Terror von 9/11 ernsthaft infrage stellen. Und ich glaube, die Reaktion der Medien auf die US-Invasion im Irak hat unsere Gesellschaft nicht besser gemacht. Seit diesem sogenannten „Krieg gegen den Terror“ ist die ganze Welt völlig polarisiert: Unsere Vorurteile sind so groß, dass wir alle Menschen rasch und unreflektiert in Schubladen stecken und „gut“ oder „böse“ draufschreiben. Das ist heute sogar noch schlimmer als vor fünf Jahren; insofern hat das Buch eine erschreckende Aktualität.

In Ihren drei Spielfilmen geht es um Lug und Trug. Würden Sie sagen, dass das Schicksal der Welt von Lügnern bestimmt wird?

So weit würde ich nicht gehen. Ich bin zwar Pessimist, doch ich glaube noch immer an das Gute im Menschen – sonst könnte ich ja gleich auf- und den Löffel abgeben. Allerdings habe ich tatsächlich das Gefühl, dass die Menschheit das Endstadium ihrer Existenz erreicht hat. Darum war es mir wichtig, diesen Film im Herbst zu drehen.

Sie haben in Hamburg gefilmt, wo auch der Roman spielt…

Ja, das war ein Glücksfall für mich als Regisseur: Weil dort so gut wie nie gedreht wird, ist die Stadt sozusagen jungfräuliches Territorium für die Zuschauer. Egal, wo ich meine Kamera platziere – kein Schauplatz wird irgendwelche Erwartungen oder Gefühle wecken. Der einzige international bekannte Hamburg-Film ist „Der amerikanische Freund“ von Wim Wenders. Neulich habe ich mich mit Wim unterhalten, und er versteht auch nicht, warum nicht mehr Leute in Hamburg drehen.

Die Stadt zeigt sich bei Ihnen mal von ihrer schönsten, mal von ihrer scheußlichsten Seite.

Stimmt. Manche Hamburger haben mich schon gefragt, warum ich ihre Heimat so düster zeichne. Es war einst die reichste Stadt Europas, und Spuren davon sieht man noch: Es gibt dort unglaublich schöne Orte, und ein paar von ihnen haben es auch in meinen Film geschafft. Aber sie haben nicht das Abgründige, das mich interessiert. Darum habe ich sie mit einigen schäbigen Schauplätzen kontrastiert.

Philip Seymour Hoffman spielt in Ihrem Film seine letzte Hauptrolle. Wie war die Arbeit mit ihm? Ließ dieser Schauspiel-Gigant sich überhaupt Anweisungen geben?

Ich bin ohnehin kein Diktator, sondern gönne meinen Akteuren möglichst viel Freiraum, damit sie mir ihre eigene Interpretation präsentieren können. Philip mochte diese Arbeitsweise. Als er zum ersten Mal ans Set kam, hatte er seine Filmfigur schon vollständig präpariert. Die meiste Zeit war ich restlos glücklich, wenn ich ihm bei der Arbeit zusah. Nur in manchen Momenten hatte ich das Gefühl, eingreifen zu müssen, was regelmäßig zu intensiven Diskussionen mit ihm führte. Ich habe jeden Tag mit ihm genossen.

Was haben Sie besonders an ihm geschätzt?

Alles. Die Gespräche mit ihm, seine uneitle Art, seine Hingabe, sein unglaubliches handwerkliches Können, seine Kompromisslosigkeit… Er ließ sich keinen Blödsinn erzählen; er tat alles, damit seine Filmfigur glaubwürdig blieb, und er war bereit, dafür jedes erdenkliche Hindernis aus dem Weg zu räumen. Ich glaube nicht, dass ich ihm mit Worten überhaupt gerecht werden kann. Doch zum Glück wird er sich selbst gerecht – durch seine Leistung auf der Leinwand!

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

Das Buch zum Film

Soeben ist im Münchner Schirmer/Mosel Verlag das Fotobuch von Anton Corbijn zu seinem neuen Film erschienen („Looking at A Most Wanted Man“. 180 Seiten; 49,80 Euro.).

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