+
Eine Legende, nicht nur wegen seiner Musik für „Tatort“ und „Das Boot“: Klaus Doldinger.

Heute erscheint „Motherhood“ von Klaus Doldinger‘s Passport

Klaus Doldinger legt neues Album vor

  • schließen

Es ist eines der letzten Interviews vor dem Corona-Lockdown: Klaus Doldinger, Jazzer, Saxofonist, Komponist, Legende, hat sich Zeit genommen, um über sein neues Album „Motherhood“ zu sprechen.

Der Musiker, der in Icking im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen lebt, sitzt in den Räumen der Plattenfirma im Münchner Glockenbachviertel. An den Wänden: Goldene Schallplatten von Künstlern, die noch nicht geboren waren, als Klaus Doldinger schon Musik machte – und die vermutlich kaum so lange im Geschäft bleiben werden wie er. Am 12. Mai feiert er 84. Geburtstag, heute erscheint seine neue Platte „Motherhood“. So hieß Ende der Sechziger seine Combo, die zwei Alben aufnahm: „I feel so free“ (1969) und „Doldinger’s Motherhood“ (1970). Mit seiner Gruppe Passport hat Klaus Doldinger die Stücke nun frisch interpretiert.

Das neue Album wird als „Standortbestimmung“ angekündigt. Wo verorten Sie sich?

Klaus Doldinger: Für einen Musiker, der weltweit unterwegs war, ist das eine schwierige Frage. (Lacht.) Letztendlich ist der Standort eines Menschen dort, wo er lange Zeit gelebt hat. Bei mir waren das viele Orte – und alle haben mich geprägt. Aber Deutschland ist mein Standort, gleichwohl mich in frühen Jahren die Verlockung erreichte, in die USA zu ziehen. Aber nicht zuletzt wegen des unterschiedlichen Kulturverständnisses habe ich es vorgezogen, hier zu bleiben.

Wo sehen Sie die Unterschiede?

Doldinger: Bei uns gibt es mehr Berührungspunkte zwischen der sogenannten E- und der U-Musik, zu der auch Jazz zählt.

Und wo findet sich Ihr musikalischer Standort?

Doldinger: Der ist genreübergreifend. Mich hat das auch nie sonderlich interessiert: Hauptsache, wir können spielen, und die Band ist gut. Denn das war mir immer sehr wichtig: eine starke Besetzung zu haben.

Mit welchem Gefühl haben Sie die alten Motherhood-Platten wiedergehört, die Sie nun neu interpretiert haben?

Doldinger: Na ja, die sind ja noch nicht so alt. Die sind ja nur...

...vor einem halben Jahrhundert erschienen.

Doldinger: (Lacht herzlich, denkt dann lange nach.)  Vieles von dem, was wir heute spielen, ist – bezogen auf die Modernität – ganz weit entfernt. Anderes wiederum nicht. Das hängt davon ab, aus welchem Bereich die Melodie stammt, die wir interpretieren. Wenn wir Musik spielen, die ich in den Sechzigern für einen Film geschrieben habe, ist es eine andere Herausforderung, das heute passend umzusetzen, als ein Stück, das aus dem Jazz entstanden ist.

Ist das der Vorteil des Jazz, dass er frei von aktuellen Moden ist?

Doldinger: Das Schöne am Jazz ist, dass man sich von allem freistrampeln kann! Im Jazz gibt es eine andere Zeitauffassung als in den übrigen Genres – da kann man sich ausdrücken, wie man will: Du bist nicht festgelegt auf einen bestimmten Zeitraum.

Es überrascht, wie aktuell das Material klingt. Waren die Stücke damals schon so zeitlos komponiert?

Doldinger: Ja!

Waren Sie also Ihrer Zeit voraus?

Doldinger: Kann sein. Ich habe mir aber dazu nie große Gedanken gemacht. Für mich zählt nur, wie überzeugend das rüberkommt, was wir da spielen.

Welche Rolle spielte die Studiotechnik?

Doldinger: Wir haben die Songs Ende der Sechzigerjahre mit der Technik der damaligen Zeit aufgenommen. Ich dachte mir: Wenn wir die Stücke heute noch mal digital produzieren, dann haben sie eine größere Überlebens-Chance.

Es ist interessant, dass Sie diesen Begriff verwenden. Macht man sich als Komponist Gedanken, welche Titel Bestand haben werden – vielleicht einen selbst überdauern?

Doldinger: Nein, überhaupt nicht! Aber aufgrund meiner Tätigkeit im Aufsichtsrat der Gema bekomme ich mit, wie viele Daten sich von tausenden Komponisten und Musikern ansammeln – das ist schon der Wahnsinn. Da wird einem klar, dass die Überlebensfähigkeit von Musik natürlich ein Thema ist. In der Klassik sollte man zum Beispiel sehr zufrieden sein, dass so viele Werke die Jahrhunderte überdauert haben. Im Jazz gibt es Ähnliches. Für einen Musiker ist das die größte Auszeichnung überhaupt, wenn seine Werke auch Jahre später noch gespielt werden und bekannt sind – und zwar beim Publikum und nicht nur bei den Experten.

In der Klassik, im Blues und auch im Jazz hat die Trennung zwischen Komponist und Interpret bereits stattgefunden. Bei der Pop- und Rockmusik sieht es zum Teil anders aus. Was wird zum Beispiel aus den Songs der Rolling Stones, wenn es die Band eines Tages nicht mehr gibt?

Doldinger: Es wird immer Leute geben, die die Sachen gerne interpretieren – und die dadurch vielleicht sogar bekannt werden.

Zurück zu den Motherhood-Stücken: Sie haben diese damals unter dem Pseudonym Paul Nero veröffentlicht. Warum?

Doldinger: Es kommt mir heute märchenhaft vor, wie viel wir damals produziert haben. Dabei entstand die Idee, dass ich mal eine Platte unter Pseudonym aufnehme – und daraus wurden dann zwölf Paul-Nero-Alben. Unter eigenem Namen habe ich fast ausschließlich Eigenkompositionen gespielt – als Nero auch das Repertoire der Charts, was Spaß gemacht hat. So kam dann die Idee, mit Passport den einen oder anderen Popsong aufzunehmen.

Stichwort Popsong: Die Stücke der neuen Platte sind unglaublich tanzbar. Ist das ein Qualitätskriterium für Sie?

Doldinger: Ich kam ursprünglich aus dieser Ecke und mir war schon in den Fünfzigern wichtig, dass die Leute zu unseren Stücken tanzen. Irgendwann stellte ich mir die Frage, warum ich nicht selbst einmal diese Musik schreibe.

Das zeichnet ja auch die Passport-Konzerte aus – ein „zu wild“ gibt es da eigentlich nicht. Sie spielen das Saxofon wie andere die E-Gitarre. Ist das ein Instrument mit Rampensau-Qualität?

Doldinger: Jooo! Ist es! Es ist aber auch dazu geeignet, sehr gemäßigt im Ausdrucksbereich der klassischen Musik zu spielen. Ich habe jedenfalls Wert darauf gelegt, mein Blasinstrument dem anzupassen, was für die Klassik nötig ist. Ich habe genau studiert, was die Kollegen machen, wenn sie Mozart oder Bach spielen – und welche Möglichkeiten der freieren Interpretation es gibt.

Sind Sie und Ihre Passport-Kollegen, bezogen auf die Lust an musikalischer Grenzüberschreitung, auch an Experimentierfreude, mutiger als die
junge Musikergeneration?

Doldinger: Es geht, glaube ich, nur darum, ob man es kann oder nicht. Die Möglichkeiten des Ausdrucks sind eigentlich unbegrenzt – der eine Musiker nutzt sie so und der andere anders.

Auch Genregrenzen haben Sie nie interessiert...

Doldinger: Das hat sich entwickelt, ich habe darüber nicht weiter nachgedacht. Allerdings war ich überrascht, dass ich in der Lage war, die Sachen derart unterschiedlich zu spielen – auch angeregt von dem, was andere Kollegen gemacht haben.

Wenn man Interviews mit Ihnen liest, geht es irgendwann immer um Ihre Musik zum „Tatort“ und zu Wolfgang Petersens „Das Boot“. Wir haben nun eine Stunde weder vom einen noch vom anderen gesprochen. Fehlt Ihnen das?

Doldinger: Nein. Das ist auch nur ein Teil des Gesamtgeschehens. Es hat sich alles aus sich heraus entwickelt, wir mussten nie richtig Druck machen. Ich kann nur sagen: Lieber Gott, danke, dass mir das zugedacht war.


Informationen:

Klaus Doldinger’s Passport: „Motherhood“ (Warner Music).

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Hubert von Goisern legt seinen ersten Roman vor
Hubert von Goisern ist als Musiker weit gereist und weltbekannt. Nun hat er mit „Flüchtig“ seinen ersten Roman veröffentlicht – unter seinem Geburtsnamen Hubert …
Hubert von Goisern legt seinen ersten Roman vor

Kommentare