Motor der Kunstentwicklung

- Sie schrieb Kunstgeschichte und war oft ein Zankapfel: Der Kasseler Weltkunstschau documenta ist zu ihrem 50-jährigen Bestehen eine Jubiläumsausstellung gewidmet. Statt sich an einem Besten-Ranking unter den 2000 documenta-Künstlern zu versuchen, will Kurator Michael Glasmeier mit 65 meist weniger markanten, vergessenen Werken die documenta-Geschichte illustrieren.

Als die erste documenta vor 50 Jahren als Begleitprogramm zur Bundesgartenschau ihre Pforten öffnete, war die Auswahl der Kunstwerke noch relativ einfach: Der Kasseler Kunstprofessor Arnold Bode (1900-1977) wollte den Deutschen die von den Nazis geächtete moderne Kunst vorführen und stellte dazu Werkübersichten klassischer Meister wie Picasso, Mondrian oder Klee zusammen. Mit dem Aufstieg der documenta zur wichtigsten Ausstellung moderner Gegenwartskunst fiel die Auswahl in Folge aber immer schwerer. Von einer Übersichtsausstellung entwickelte die documenta sich mehr und mehr zu einem Motor der Kunstentwicklung und setzte selbst Maßstäbe.

Was bei der im Fünf-Jahres-Rhythmus organisierten documenta jeweils Kunstwelt und Öffentlichkeit bewegte, wird bei der Jubiläumsschau anhand von Archivmaterial dargestellt: Picasso-Inszenierungen und Plastiken von Henry Moore locken das Publikum 1955 in die noch kriegszerstörte Orangerie, Christo und Jeanne Claude lassen 1968 einen riesigen Ballon in der Karlsaue aufblasen, ein Bohrturm für Walter de Marias Vertikalen Erdkilometer sorgt 1977 für Aufsehen, und 1982 lässt Joseph Beuys für seine Aktion "7000 Eichen" 7000 Basaltsäulen vor das Fridericianum schaffen - Proteste sind die Folge.

Vielfalt und Gegensätze

Während die Historie der documenta in chronologischer Abfolge aufbereitet wird, sind die Exponate  der Jubiläumsausstellung bunt gemischt: Noch eher biedere Ölgemälde aus den ersten Ausstellungen sind mit abstrakten Arbeiten späterer Schauen im gleichen Raum anzutreffen. Glasmeier will so die Vielfältigkeit und Gegensätzlichkeit der documenta darstellen. Die ausgewählten Arbeiten stehen somit weniger exemplarisch für eine documenta, sondern bieten in ihrer Gesamtheit einen Überblick über die Kunstschau. Freilich wird der Geist der jeweiligen Ausstellung somit nicht wieder lebendig - auch weil sich die Arbeiten und Aktionen außerhalb der Museumsmauern nicht wiederholen lassen.

Die Ausstellung "50 Jahre documenta" ist vom 1. September bis zum 20. November in der Kunsthalle Fridericianum in Kassel zu sehen. Anschließend wird die Jubiläumsschau 2006 in Brüssel, im spanischen Salamanca und in Warschau gezeigt und soll anschließend in Südostasien und Neuseeland Station machen.Michael Evers

Infos unter www.fridericianum-kassel.de.

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