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Der Hormon- und Kaffeespiegel steigt: Angelina (Cecilia Bartoli) trifft erstmals auf den verkleideten Ramiro (Javier Camarena).

Premierenkritik

Mozärteln mit Rossini

Salzburg - So fühlt sich Opernglück an: „La Cenerentola“ mit Cecilia Bartoli bei den Salzburger Pfingstfestspielen. Eine Kritik.

Die gelben Handschuhe, der Putzeimer, der Besen, das alles passt, es täuscht aber. Spätestens dann, wenn Angelina – Sonnenbrille, rotes Kleid, Kopftuch – auf der Party im „Palace“ auftaucht. Weniger märchenhafte Schöne, als vielmehr eine Frau (Fellini & Co. lassen grüßen) auf dem Weg zum Vamp. Und man ahnt: Die wollte nicht nur immer dahin, die gehört in diese Welt. Die kann sich auch wehren. Dort, wo die Machos noch nach der Dämmerung mit dunklen Gläsern herumlaufen und wo sich Mafiosi stöckelnde Barbies als Deko halten.

Schon Rossini bewegte sich ja ein gutes Stück weg vom Märchen, hin zur hochtourigen, hintergründigen Commedia. Und das, was bei Salzburgs Pfingstfestspielen zu erleben ist, das ist erst recht das Gegenteil von allem Disney-Schaumgebäck. Aschenputtel, „La Cenerentola“ ins Heute holen? Und wie das geht. Am Ende kann die Galagemeinde im Haus für Mozart nicht mal die letzten 30 Sekunden Orchesternachspiel abwarten. Trampeln, Ovationen – ein solcher Premierenerfolg ward hier in den vergangenen Jahren nicht erlebt. Opernglück fühlt sich genau so an.

Eines mit Ansage natürlich. Cecilia Bartoli, in der Titelrolle ihres eigenen Pfingstfestivals und dann auch noch an ihrem Geburtstag, das bleibt der Applauskitzler par excellence. Die Angelina hat die 48-Jährige schon vor 20 Jahren gesungen. Eigentlich ist sie ein Stück darüber hinaus. Herber, offener ist die Stimme geworden, die Schmelzanteile haben sich verringert. Ab der unteren Mittellage muss sie gelegentlich deklamieren, auch lässt sie die Konsonanten mehr als sonst zischen und knallen, erst recht, weil das Ensemble Matheus auf alten Instrumenten und damit tiefer gestimmt spielt.

Doch die Bartoli-Koloraturen rattern wie eh und je, die Verzierungen sind gewohnt überrumpelnd. Und die Lust, mit dem Rossini-Aberwitz zu spielen, springt einem aus jeder Zweiunddreißigstel entgegen. Ihre Angelina putzt im gekachelten „Buffet Don Magnifico“, eine Bar, in der es vor allem billig ist, wo eine der beiden Halbschwestern als androgyne Marzahn-Cindy im Frotteeanzug haust (Hilary Summers) und wo dem Padrone die Hand locker sitzt. Nach einer solchen Watsch’n zieht sich Magnifico verzweifelt ins Halbdunkel zurück. Man sieht einen verhärmten Witwer, der nicht anders kann, weil er mit vielem abgeschlossen hat – und der später im schlecht sitzenden Glitzersakko begeistert in die Welt der Bosse hineinschnuppert: Enzo Capuano vermeidet (auch im Gesang) alle Karikatur.

Hier spielt die Inszenierung von Damiano Michieletto ihre größten Stärken aus. Der Herrenchor als überreife Damen-Groupies für den falschen Prinzen, die Spaghetti-Fessorgie Dandinis, das tänzelt zwischen Monty Python und sinnfreiem Klamauk. Aber da gibt es auch anderes. Michieletto löst die Figuren aus dem Flachrelief, gibt ihnen Tiefe, besonders Menschlich-, Natürlich- und Glaubwürdigkeit. Auch bei Nicola Alaimo als Dandini, der auf Boulevardkomödienmaß eingebremst wurde, selbstironisch mit seinen Pfunden wuchert und mit seinem Bariton Achterbahnfahrt spielt. Keine Typen-Parade, es mozärtelt – genau am richtigen Ort eben.

Wie aus einer Marthaler-Regie gefallen ist der Alidoro des markant singenden Ugo Guagliardo: ein Amor, der zur Ouvertüre per Video aus dem Wolkenhimmel zur Erde schwebt. Quirlig, meist unsichtbar für die Figuren (wenn er nicht gerade als Postbote auftaucht), immer präsent, ein Strippenzieher, bewaffnet mit roten Liebespfeilen, der Magnificos „Buffet“ auf ein Handzeichen nach oben fahren lässt, auf dass das baugleiche, aber eben glitzernde „Palace“ sichtbar wird. Ein Theatercoup, auch wenn’s bei der ersten Verwandlung von Paolo Fantins Bühne knirscht.

Damiana Michielettos Inszenierung lädt weniger zum Schenkelklopfen ein, eher zum Dauer-Schmunzeln. Und manchmal darf man auch eine Träne verdrücken, im Duett von Angelina mit ihrem Prinzen zum Beispiel. Gerade weil Javier Camarena dafür eine Idealbesetzung ist. Ein Tenor, der gerade in den Olymp befördert wurde: Nach Pavarotti und Florez ist er erst der Dritte, dem in der Met (auch als Ramiro in „Cenerentola“) ein Da Capo gestattet wurde. In Salzburg ist’s kurz davor. Geläufigkeit, Attacke, Farben, lockere Tongebung, unforcierte Extremspitzen – alles da. Dazu ein Bärchencharme, der es eng werden ließ für die Chefin: Scusi Cecilia, dem Kollegen gebührt die Krone des Abends.

Viel diskutieren ließe sich übers Orchestrale. Jean-Christophe Spinosi, sonst im Barock-Biotop unterwegs, hat sich auch bei Rossini einiges vorgenommen. Es gibt extreme Farb- und Tempokontraste, viel Nuancengeklöppel und tatsächlich eine Reihe von Entdeckungen in dieser Partitur. Scharfe Akzente bis zum Hornfurz bescheren Extra-Pointen, statt der Rossini-typischen Rhythmuswalze hört man ein nervöses Flirren. Doch eigentlich sucht sich Spinosi (ein hervorragender Sängerlotse) mit seiner Entdeckungswut die falsche Spielwiese. Schon die Ouvertüre hat Ladehemmung. Und man fragt sich, ob nicht der Charme Rossinis genau darin besteht, dass der Dirigent den Motor anwirft, um ihn dann zweieinhalb Stunden am Tuckern zu halten – anstatt mit ihm Stop-and-go zu spielen. Spinosis Rettung ist die Charme-Offensive des übrigen Personals. Am Ende zeigt eine entschlossene Angelina, was sie von der Unterdrückung durch die Stieffamilie hält – die Pointe wird nicht verraten. Wäre Salzburg ein Repertoire-Haus, diese „Cenerentola“ würde zum kultigen Dauerbrenner.

Markus Thiel

Weitere Aufführungen: an diesem Samstag und während der Sommerfestspiele am 21., 23., 26., 29. Und 31. August; Telefon 0043/ 662/ 8045-500.

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