Man war Mozart so nah

- Wenn die Berliner Philharmoniker und Simon Rattle nach München kommen, dann hat mancher Musikliebhaber so seine Träume: Er denkt ans 20. Jahrhundert, an dramaturgisch kluge Querverweise, an sinfonische Großformen. Doch diesmal hatten Sir Simon und seine Berliner anderes im Sinn. Für ihr ausverkauftes Gastkonzert in der Philharmonie am Gasteig reisten sie in kleiner Besetzung an, ausschließlich Mozart im Gepäck.

Damit bescherten sie den in den vergangenen Jahren nicht sonderlich verwöhnten Münchner Mozart-Freunden zugleich mit der Freude tiefe Einsicht in das Spätwerk des Genies. Die drei letzten Symphonien Es-Dur KV 543, g-moll KV 550 und C-Dur KV 551 standen auf dem Programm und klangen, fernab aller räuberischen Werbe-Vermarktung, wie neu.<BR><BR>Rattle ist ein Kenner der Alten Musik und eng verbunden mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment, mit dem er zuletzt in München musizierte. Auch mit den Berlinern trifft er jenen klaren, prägnanten, zuweilen geschärften Ton und die gestische Ausdruckskraft, mit der die historische Aufführungspraxis in der Vergangenheit Mozart vom Romantisch-Dickflüssigen befreite.<BR><BR>Rattle reizte die dynamischen Extreme aus, wagte sich im 2. Satz der Es-Dur-Symphonie in ungesicherte Pianissimo-Regionen, wo die Luft für Streicher sehr dünn wird. Doch die Spannung hielt. Auch im geradezu atomisierten Andante der g-moll-Symphonie, wo jedes Detail, jeder Seufzer in Langsamkeit zelebriert wurden.<BR><BR>Analytische Tiefenschärfe - sie gipfelte im grandiosen Finale der Jupiter-Symphonie - paart Rattle stets mit musikantischer Lust. So bewahrt die Musik trotz intellektuellem Zugriff ihre natürliche, sinnliche Vitalität.<BR>Kein Wunder, dass man plötzlich an die Quadratur des Kreises glaubte: Die gedankliche wie satztechnische Komplexität, die Substanz, ja Schwere eröffneten sich in schierer Leichtigkeit.<BR><BR>Rattle ist ein Dirigent, der formt, nicht (Takt) schlägt, und die Musiker lohnen es ihm mit einer Wachheit, einer temperamentvollen Verve (selbst an den "sperrigen" Kontrabässen) und einer klanglichen Finesse (beim "himmlischen" Holz), die das Publikum gebannt lauschen ließen.<BR><BR>Rattle und die Berliner belohnten seine Aufmerksamkeit mit sicherem Blick auf die Details - da haben auch zweite Geigen, Bratschen oder Fagotte mitzureden -, mit subtiler Ausleuchtung des raffinierten Tonartenwechselspiels, mit dramatischen Verdichtungen und Akzenten (im Kopfsatz der g-moll- und sogar im Menuett der C-Dur-Symphonie) und mit einer Hochspannung, die sich zuletzt im Jubel des Publikums löste. Das Glück war groß - man war Mozart nah.

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