Mozart mit Biss

- Ein simpler Akzent ginge auch. Ein kraftvoller Hörnerstoß, instrumentaler Doppelpunkt für das nun keck losplappernde Laufwerk des "Donne mie" - so wie's eben (fast) alle machen. Doch der Mann im Graben? Der macht Ernst. Scharf, unwirsch schneidet der Bläserton ins Ohr. Und während das Orchester stichelt und spottet, kann Guglielmo Resignation und Wut nicht mehr zügeln. Das ist keine Absahnernummer mehr, mit der sich's pläsierlich um die erste Parkettreihe buhlen lässt, vielmehr klangliches Abbild einer zutiefst gefrusteten Seele, das Gerald Finley mit viriler, fast gebellter Emphase zeichnet.

<P>Mehrfach passieren solche Momente in dieser "Così` fan tutte". Denn auch das Rondo "Per pietà`", in der Fiordiligi die Katastrophe dämmert, zelebrieren Cecilia Bartoli und Simon Rattle als in Musik geronnene Verzweiflung, als Piano-Mirakel, von der Bartoli mit Risiko und im Grenzbereich des vokal noch Möglichen gesungen. Danach allseits Betroffenheit, Begeisterung. Und Überraschung? Gut, die Besetzungsliste dieser Premiere bei Salzburgs Osterfestspielen verhieß Außerordentliches. Aber dass die "Papierform" der Promis auch livehaftig so Grandioses bescherte . . .</P><P>Rattles Interpretation ist ein Kontrapunkt zum Salzburger Sommerfestival. Denn dort gebietet Kollege Harnoncourt als Mozart-Papst, der die Abgründe des Meisters in zeitlupenhafter Emotionalität auszuleuchten pflegt. Rattles Zugriff mit den Berliner Philharmonikern ist anders: offensiv bis aggressiv, bestechend analytisch, dabei von einem spontanen, nervigen Brio getragen. Als ob Mittelstimmen dazukomponiert wurden, so emanzipieren sich plötzlich Bläsersoli, so kommentiert eine aufglimmende Streicherfloskel die Gesangslinie. Und die Berliner, das ist die größte Erziehungsleistung ihres Chefs, spielen das mit einer hochauflösenden Transparenz, mit einem Wissen um Klangrhetorik, als ob sie sich schon ewig mit historischer Aufführungspraxis beschäftigen. Fernab jeglicher Lustspielbrillanz hat Rattle seine "Così`" angesiedelt. Die hat also weniger Witz - dafür umso mehr Biss.</P><P>Auch das Regie-Duo Ursel und Karl-Ernst Herrmann gestattet Lachen auf der Bühne nur als affektierte Gefühlsäußerung. Der staubfreie, streng stilisierte Minimalismus verbreitet Labor-Stimmung, scheint die Emotionalität, die Verlorenheit der Figuren nur zu steigern. In den besten Momenten strahlt diese Inszenierung daher eine Atmosphäre des Bedrohlichen aus, wird die Haltlosigkeit, das Zaudernde und Strauchelnde der Wett-Opfer augenfällig.<BR>Die Rezitative, hier nicht im Routine-Parlando absolviert, gelingen mit der Intensität von Schauspiel-Szenen. Doch verliert sich der Abend auch im nur Coolen, wird die farblich geschmackvoll gestufte Ästhetik zum Selbstzweck. Und bietet dann nur noch Rampentheater mit Hang zum Konzertanten - wozu wohl der Raum des Großen Festspielhauses zwingt, um halbwegs Intimität herzustellen.</P><P>Als entschärfte Version des Schulmädchen-Reports beginnt's: Fiordiligi und Dorabella, schwer pubertierend und leidend an erwachendem Liebesweh. Nicht nur sie treibt die unerfüllte Lust um, auch Despina, diese bebrillte, in strenge Geometrie gekleidete Jungfer, von Barbara Bonney mit dezenter Komik und umso subtilerer Erotik gesungen. Ein Mann muss also her, egal wer, und seien es diese seltsamen Turbanträger. Die Liebe über Kreuz ist bei den Herrmanns demnach kein Irrweg, sondern Versuch einer Befreiung - mit bekannt bösen Folgen.</P><P>Unterschiedlicher lassen sich die beiden Schwestern dabei nicht besetzen. Cecilia Bartoli ist ganz handfeste Fiordiligi vom Land. Die gespreizte Dramatik der Partie meistert sie mit Attacke, innigsten Seelentönen und kunstvoll gezirkelter Technik. Doch es liegt nicht nur am Humpeln (ein gebrochener Fuß), dass sie von Magdalena Kozena fast ausgestochen wird. Denn jede dunkel flammende Phrase, jede Geste der Kozena atmet Sinnlichkeit und kaum verhohlene Begierde. Und hätte die Demaskierung das Spiel nicht beendet, diese Dorabella hätte es glatt noch mit Alfonso (Thomas Allen) versucht.</P><P>Den lassen die Herrmanns in einer stummen Szene zu Beginn auftreten, ganz langsam aus dem Dunkel kommend, eine Zigarette entzündend. Kein väterlicher Freund, sondern ein mephistophelischer Spielmacher im Flatter-Frack, der später müde, fast resigniert die Folgen der Männerwette beobachtet. Auch seine Opfer könnten verschiedener nicht sein. Kurt Streit ist ganz nobler Stilist, gibt den Ferrando mit hellem, sich zuweilen verengendem Tenor. Gerald Finley (Guglielmo) ist sein kraftvoller Gegenpart, was dieser hervorragende Bariton mit nuancenreicher Eloquenz auch ausspielt. Kurz: ein Traum-Ensemble, vom Gala-Publikum mit Ovationen gefeiert. Die Herrmanns kassierten Buhs - nach sündteurer Edel-Langeweile à` la Peter Stein zu Abbados Zeiten schien mancher wohl irritiert. Die Produktion wandert nun weiter zu den Sommerfestspielen. Dann mit neuem Orchester (Wiener Philharmoniker), neuem Dirigenten (Philippe Jordan) und bis auf Thomas Allen komplett neuem Sängerteam - was eine "Neuinszenierung" notwendig macht. So viel zur Salzburger Effektivität.</P>

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