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Wenn das Wasser spritzt, ist es ganz im Sinne von Regisseur Andreas Wiedermann (r.). Zusammen mit Dirigent Ernst Bartmann und insgesamt 46 Mitwirkenden zeigen sie im Müller’schen Volksbad die Oper „Idomeneo“ auf einer Schwimm-Bühne vom Bootsverleih

Mozart geht baden: Opern-Premiere im Volksbad 

Das Wasser ist in Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Idomeneo“ allgegenwärtig. Verspricht doch der König dem Meeresgott Poseidon, einen Menschen zu opfern, wenn er mit seinem Schiff den Sturm überlebt. Deswegen verlegte die Opera Incognita ihre Aufführung gleich mal ins Müller’sche Volksbad in München. Morgen feiert sie Premiere.

Erst schnürt er das Segelschiffchen enger an seinen Blauhelm, dann wiegt Friedrich Spieser seinen Kopf hin und her. Der Holz-Dreimaster oben drauf geht mit: Test bestanden, alles sitzt. Im grau-schwarzen Baumwollanzug harrt der 21-Jährige anschließend im hüfthohen Wasser des Müller’schen Volksbades aus. Er wartet. Plötzlich erklingt ein Geigen-Sturm vom Band. Spieser beginnt sich zu drehen, wird immer schneller, das Wasser rauscht und spritzt. Dann taucht er mit Blubberblasen ab, sein Dreimaster bleibt schwankend im hohen Wellengang sichtbar zurück. Bis sein Orkan zu stark wird, das Schiff sinkt. „Stopp!“, ruft eine Stimme oben von der Tribüne herunter. „Noch mal!“

Es ist die Probe für Mozarts „Idomeneo“ in der Damenschwimmhalle des Müller’schen Volksbades. Die Opera Incognita bringt Mozarts 1781 in München uraufgeführte Oper mit Unterstützung der Kulturstiftung der Stadtsparkasse München auf die täglich neu aufzubauende Plastik-Schwimm-Bühne. Es ist ein ungewöhnliches Projekt. „Und riskant“, wie Dirigent Ernst Bartmann aus Dorfen zugibt. Die Geschichte vom kretischen König Idomeneo, der nach seiner Rückkehr vom Trojanischen Krieg gezwungen ist, seinen Sohn zu opfern, bleibt zwar gleich. Aber ist der Hauptdarsteller jetzt das Wasser, und das größte Problem die Akustik.

Der Klang in dem hohen, gewölbten Raum ist gewöhnungsbedürftig und kommt schwer an den eines Opernhauses heran. „Es hallt unglaublich“, sagt Bartmann. Die mit Stuck verzierte Halle ist denkmalgeschützt, Stoffe zu spannen ist streng verboten. Also müssen Bartmann und Regisseur Andreas Wiedermann improvisieren. Oder streichen. „Wir haben die Partitur extrem gekürzt, fast schon skelettiert“, erklärt Bartmann. Schnelle, stakkatohafte Tonreihen wolle man, wenn irgendwie möglich, vermeiden. Jetzt dauert die Oper etwa zweieinhalb Stunden inklusive Pause.

Die zehn jungen Mitglieder des Salzburger Mozarteumorchesters aber haben heute frei. Der Chor übt – und das dauert. „Wegen der hohen Luftfeuchtigkeit kämen wir bei der Probenlänge mit dem Geigenstimmen ohnehin nicht mehr nach“, sagt Bartmann und wischt sich mit dem Frotteehandtuch den Schweiß von der Stirn. Der Synthesizer muss also heute ausreichen, Bartmann vertritt stimmlich die sieben Solisten.

Der 21-jährige Spieser ist Teil des Chors, und nach seinem Orkan und ohne Dreimaster auf dem Kopf verwandelt er sich in seinem originalen Wärteranzug aus der JVA Landshut zum Aufpasser mit Schaumstoff-Schlagstock.

Der Gefangenen-Chor wird im Becken quasi eingekerkert. Und weil die 14 jungen Sänger-Insassen vier Wochen lang „im Trockenen“ in einer Lagerhalle geübt haben, geht es im Nichtschwimmerbereich nur noch um den Feinschliff: „Den vorherigen Abschnitt könnt ihr abgehackter singen, die Halle arbeitet ja mit“, ruft Bartmann von der Empore herunter. Und zur richtigen Positionierung witzelt Wiedermann von der wackelnden Schwimmbühne vom Bootsverleih: „Gefangener Nummer 3, stell dich auf die 37. Fliese von links.“ Langweilig wird es jedenfalls nicht während der Probe, imitieren einzelne Chormitglieder zwischendrin doch mal „Tote im Wasser“, zupfen ihre Bikinis unter den Gefängnisgewändern zurecht oder machen mit dem Nachbarn Spritz-Spielchen.

Dreimal müssen Spieser und sein Wärter-Kollege heute die Meute im Becken „so richtig schön“ einschüchtern: „Wenn ihr den Gefangenen mit den Schlagstöcken droht, dann richtig. Nicht lustvoll, haut ins Wasser. Es soll klatschen“, sagt Wiedermann und grinst. Gesagt, und nach dem vierten Durchgang ist’s getan. Die Zuschauer um den Beckenrand jedenfalls sollten bei den Aufführungen nicht wasserscheu sein – und möglichst leichte Sommerkleidung tragen.

Angelika Mayr

Aufführungen

Premiere im Müller’schen Volksbad, Rosenheimer Straße 1, ist morgen, weitere Aufführungen sind am 31. August sowie 1., 8., 10. und 11. September, Beginn jeweils 20 Uhr; Tel. 01 51/ 15 80 90 91.

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