Mozart hätt's gefallen

- Spätestens ab dieser CD muss endlich Schluss sein. Mit dem Genöle, Mozart habe "La clemenza di Tito" ja nur unter Zeitdruck geschrieben, was man gerade den angeblich so stimmungstötenden 08/15- Rezitativen anhöre. Doch auch wenn für die ein Schüler verantwortlich sein sollte: Man muss sie nur so spielen lassen wie René´ Jacobs. So lustvoll, mit Improvisationen und frechen Pointen _ und plötzlich wird daraus pralle, lebensnahe Theatermusik.

Doch nicht nur jedes Rezitativ, die ganze Aufnahme klingt so, als sei sie in einer einzigen, spontanen Sitzung entstanden. Dass es sich um eine Studioproduktion handelt, mag man ohnehin kaum glauben. Jacobs und das phänomenale Freiburger Barockorchester musizieren so, dass selbst der "Titus"-Kenner überlegt: Was könnte wohl Überraschendes in der nächsten Sekunde passieren?

Phrasierungen und Verzierungen, unvermittelte Beschleunigungen oder harte Kontraste inklusive gelegentlicher Spitzentöne mögen nicht so in der Partitur stehen.

Herausragender Sesto

Doch Jacobs stellt all dies in den Dienst einer unwiderstehlichen Dramatik. Mozart hätt's gefallen, viel mehr: Er hätte sich eine Aufführung seiner Oper genauso gedacht.

Typisch Jacobs auch das hohe Niveau der Sängerbesetzung. Herausragend dabei Bernarda Fink. Ihr Sesto ist kein virtuoser Jüngling, klingt reifer, nuancierter, geschmackvoller als der mancher Kollegin. Das passende Gegenstück: Alexandra Pendatchanska, eine Vitellia, die gern außer sich gerät. Die aber, was Tonumfang, vokales Feuer und dramatisches Gespür betrifft, die beste Besetzung seit Julia Varady sein dürfte. Mark Padmore verfügt über die ideale Titus-Stimme. Dass er introvertiert bleibt, ist nicht Unvermögen, sondern Ergebnis eines klugen Rollenporträts. Eine Maßstäbe setzende Einspielung, die Vorfreude weckt: auf Jacobs' "Don Giovanni" bei den sommerlichen Innsbrucker Festwochen.

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