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„Fritz Wunderlich ist das perfekte Vorbild“: Der 31-jährige Daniel Behle wird oft mit dem großen Sänger verglichen – was ihn eher anspornt.

„Mozart ist jetzt mein Ding“

München - Spät- und Senkrechtstarter Daniel Behle debütiert am Dienstag als Tamino im Münchner Nationaltheater. Im Merkur-Interview spricht er über die "Zauberflöte", eigene Kompositionen und seine Mutter Renate Behle.

Studiert hat er Posaune und Komposition. Dass Daniel Behle das nicht weiterverfolgt hat, ist ein Glücksfall. Der 31-jährige Tenor dringt gerade an die Spitze der Opernszene vor. Am Dienstag debütiert der gebürtige Hamburger an der Bayerischen Staatsoper als Tamino in Mozarts „Zauberflöte“, am 28. Januar singt er Schuberts „Schöne Müllerin“ im Cuvilliéstheater. Behle ist musikalisch vorbelastet: Seine Mutter Renate Behle ist eine Säule des hochdramatischen Fachs. Sie hat seine Stimme entdeckt, von ihr dürfte er auch Selbstironie und Selbstbewusstsein geerbt haben.

An was komponieren Sie gerade?

Komponieren weniger, ich stelle gerade Arrangements zusammen für eine CD. „Granada“ könnte die heißen. Eine Hommage an Fritz Wunderlichs fantastische Platte. Das Lied „Granada“ selbst gibt es allerdings mit einem anderen Text, da die Rechte noch nicht frei sind. „Es grüßen von ferne, die silbernen Kräne in Hamburg“ – eine Reminiszenz an meine Heimatstadt.

Bei dem Repertoire werden Sie schwach?

Genau. Ich will auch eine Lanze für die Operette brechen. Das sind zum Teil unglaublich anspruchsvolle Stücke. Die haben Peng, die gehen ins Ohr. Und wenn die von tollen Sängern gestaltet werden, gehen die Leute auch ’rein. Das ist vielleicht jetzt böse: Aber an vielen Häusern muss sich doch die B-Besetzung um die Operette kümmern.

Ist es schwieriger, einen Lacher zu ernten oder tragisch zu sein?

Tragisch scheint mir manchmal dankbarer. Humor ist das Produkt eines Zusammenspiels. Entweder man macht es à la „Nackte Kanone“ und stellt eine ernste Handlung in den Vordergrund, während die Absurdität im Hintergrund stattfindet. Oder wie bei Monty Python, da gibt es einen Sketch, den finde ich irre. Zwei Männer sitzen als alte Frauen verkleidet auf dem Sofa, und im Fernseher ist ein Pinguin zu sehen. Der eine erzählt etwas von Pinguinen. Der andere schreit plötzlich „Burma!“ „What?“ „I panicked!“ Da muss er dermaßen lachen, weil es überhaupt keinen Sinn ergibt. Wahnsinn. Manchmal entsteht Humor spontan in einer Vorstellung, wenn man das Gefühl hat, eine bestimmte Situation oder Stimmung bedienen zu wollen. Was man nie darf, ist allerdings eines: draufdrücken.

Ist die „Zauberflöte“ eigentlich ein Kinderstück?

Das ist wie bei einem guten Animationsfilm aus den Pixar-Studios, der ist etwas für alle Generationen. Bei der „Zauberflöte“ sehen die Erwachsenen vielleicht einen höheren Sinn dahinter, diskutieren in der Pause über Freimaurertum und Männlichkeitsgehabe. Und das Kind freut sich über die lustige Schlange, die böse Königin, den Flötenspieler mit den Federn oder den netten Onkel in der langen Robe.

Demnach ist Tamino für Kinder ein Langweiler.

Das ist das Problem. In der Wiener Volksoper haben wir das oft so gemacht, dass mein Papageno-Kollege und ich fast ein Comedy-Paar waren. Eigentlich ist es eine tolle Rolle. Tamino ist zu Beginn noch kein Held, deswegen darf man auch die Bildnis-Arie nicht zu heldisch singen. Testosteron kommt später ins Spiel, etwa in der Priester-Szene. Da wird er zum Helden, da entscheidet er sich für die Prüfungen.

Er ist Karrierist. Für die Aufnahme in den Priesterkreis verletzt er Pamina.

Das kann man so stehenlassen. Oder er ist einer, der das größere Bild sieht. Papageno schaut nur, wo er was zu essen oder eine Frau bekommt. Tamino denkt gleich an den großen Lebensentwurf. Das hat fast missionarischen Charakter gegenüber Pamina. Nach dem Motto: „Schau’ Schatz, wenn ich jetzt den Mund halte, dann werden wir Mitglied beim Sonnenkönig. Ey, das ist doch toll, dann haben wir ganz viel Geld.“

Sie sind auf Facebook viel aktiv. Werden für Sänger nichtmusikalische Aufgaben notwendiger?

Ich habe mal einen Tipp bekommen: „Mach’ doch eine Facebook-Seite, die kostet nichts. Fans und Freunde freuen sich, wenn man auch reagiert.“ Man sollte so was aber nicht forcieren. Wenn ich zum Beispiel eine gute Kritik bekommen habe, möchte ich das auch anderen mitteilen. Facebook hat was von Mundpropaganda. Gerade auf unserem Massenmarkt ist das ganz vorteilhaft.

Hat die Mutter angesichts Ihres Berufswunsches die Hände überm Kopf zusammengeschlagen?

Sie hat mich ja auf die Idee gebracht. Ich war als Komponist und Posaunist eher mäßig begabt. Sie hat mich unterrichtet. Da mein Vater gerade gestorben war, hatte das auch den Charakter einer Art Familienzusammenrückung.

Ist sie als Lehrerin strenger als in der Funktion als Mutter?

Ich bin mit Papa groß geworden, meine Mutter war durch ihre Karriere viel unterwegs. Womöglich ist sie beim eigenen Sohn noch genauer. Ich hatte da ohnehin ein Dreamteam: James Wagner als Gesangsprofessor und meine Mutter als Privatpädagogin. James war irgendwie emotionaler: „Atme den Raum ein. Lass’ den Engel in dein Herz.“ Dagegen meine Mutter: „Durch die Nase pressen! Hintern zusammenkneifen!“

Was brachten Sie mit? Eine unbehauene Naturstimme?

Bei mir war gar nix da. Gut, ich hatte nie einen richtigen Stimmbruch. Dadurch hatte ich immer Höhe. Was wir trainiert haben, war Mittellage und Tiefe. Die Stimme wurde von oben nach unten aufgezogen. Ich erweitere jetzt mein Repertoire um Strauss. Den Leukippos singe ich schon, 2014 kommt der Matteo in Christian Thielemanns „Arabella“. Mir liegt Strauss. Er schreibt zwar auch hoch, aber er hat immer diesen Schmäh und nie diese totale Ernsthaftigkeit, die mir gleich auf die Stimme schlägt.

Und Richard Wagner?

Ich weiß nicht. Dazu habe ich zu viele verreckende Tenöre neben meiner Mutter erlebt… Es gibt doch derzeit genug, die das können. Allerdings gibt es verdammt wenige gute Mozart-Sänger. Und das ist jetzt mein Ding.

Muss man sich ein Image zulegen auf dem Markt? Dauernd wird in Zusammenhang mit Ihnen von Fritz Wunderlich geredet. Gefährlich, oder?

Wunderlich ist das perfekte Vorbild. Und wenn einer Vergleiche zieht – es gibt doch nichts Besseres! Dann weiß ich, dass ich etwas richtig gemacht habe. Ich scheue mich auch im Liedsektor nicht, Klassiker aufzunehmen. „Ich zeige euch jetzt mal, wie diese Musik meiner Meinung nach klingen soll, auch wenn sie schon von den Größten aufgenommen wurde“: Mit dieser Haltung sollte man eine CD produzieren.

Wie also definiert sich die Marke Daniel Behle auf dem Klassikmarkt?

Der Nachdenkliche – noch. Der Lyrische. Der mit der natürlichen Vortragsweise. Der Leise. Und das breche ich jetzt, was auch notwendig ist. Auf die Strauss-CD kommt ein forsches Foto – wir feiern ja 50 Jahre Bond. Wenn man Leute heute erreichen will, muss man authentisch sein. Tenöre neigen zur Künstlichkeit, weil wir in keiner natürlichen Lage singen. Und die Zeit der Scala-Stars, die mit ausgebreiteten Armen an der Rampe stehen und die Ego-Nummer abziehen, ist ja gottlob vorbei.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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