Mozart-Menü

- Die Verabredung mit Mozart dauert acht Stunden. Er gibt sich umgänglich, zuweilen etwas sonderbar, experimentierfreudig und kinderlieb, warmherzig und beweglich, serio wie buffo. Und mehr als einmal lüftet er die historische Perücke, um sich als zeitgenössisch selbstkritischer Humorist zu entpuppen. Ein langer Mozart-Abend in den Sälen des Münchner Gasteig geht vorüber, die bleibende Erkenntnis ist nahe liegend und trotzdem überraschend: Nach zweieinhalb Jahrhunderten zeigt sich Mozarts Werk vielseitiger denn je. Keines dieser Schaffensjahre möchte man missen, auch wenn Mozart persönlich nur die ersten 35 davon mitgeschaffen hat. Der Rest ist leidenschaftliche Widmung: durch generationen von Anhängern, die ihn für sich gewinnen wollen.

Fulminante Seiltänze

Viel gibt es in den Gängen nicht zu sehen, es ist eine Geburtstagsfeier des Hörens. Ein kleiner Junge entziffert auf einem Plakat das Motto des Festes und beginnt leise ein verträumtes, aufrichtiges Ständchen: "Happy Birthday, Mozart!" Vor der Black Box geben die beiden Briten Michael Copley und Ian Moore eine augenzwinkernd "schmerzlose Einführung" in die Welt unkonventioneller Blasinstrumente. Ein paar Meter weiter beweisen sich viele neue Wunderkinder, indem sie ihr eigenes Menuett "à` la Mozart" würfeln - nachdem sie von Gleichaltrigen ins orientalische Serail oder von Norman Shetler in puppenkabarettistischen Nonsens entführt wurden.

Man wünscht sich das (organisatorisch) Unmögliche: anstelle der Einzelkarten eine Art Festivalpass, mit dem wohl mehr Besucher die Chance ergreifen würden, sich aus der schmackhaften musikalischen Speisekarte ein reichhaltiges Mozart-Menü zu kredenzen. Dies nämlich geht nach dem leichten Vorspeisenteller am Abend zu den deliziösen Hauptgängen über. Während der Carl-Orff-Saal das literarische (Herbert Rosendorfer) und filmische ("Amadeus") Andenken pflegt, reiht sich in der Philharmonie ein Ohrenschmaus an den nächsten: Florian Sonnleitner (Violine) und Christian Euler (Viola) vollführen in der Sinfonia concertante Es-Dur den lebhaften Dialog verschiedener Gemüter; Yasuko Matsuda erfüllt das Klavierkonzert c-moll mit sanfter Disziplin; Elina Garanca und das Münchner Rundfunkorchester erwecken Passagen aus dem Opernwerk Mozarts in wohlig-forschem Charme. Zu all dem reicht Ekkehard Wölk am Flügel im Foyer unermüdlich improvisatorische Pausenbonbons.

Dann der Auftritt des Jacques Loussier Trios: Gemeinsam mit André´ Arpino (Drums) und Vincent Charbonnier (Kontrabass) sowie dem Bach Collegium München kleidet der 71-jährige Pianist die beiden Klavierkonzerte Nr.20 und 23 in zwei seiner fulminanten Seiltänze zwischen Klassik und Jazz. Mozart satt? Zur Nachspeise um 23 Uhr sitzen gerade noch einige Hungrige verloren im riesigen Saal vorm mächtigen Orgelpfeifenhimmel. Auf der Bühne steht das Instrument wie ein Altar, und Friedemann Winklhofer vollführt auf ihm akrobatische und anekdotische Kunst-Stücke - frei nach dem Jubilar. Kaum eine Minute vor Mitternacht greift der Organist dann noch einmal beherzt in die Tasten, und es ertönt ein "Happy Birthday" so kolossal, als würden die Silvesterglocken das Neue Jahr anläuten - das Mozart-Jahr.

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