Mozarts "Così fan tutte" - Liebe im Lazarett

- Mütterchen Russland hat nicht nur Anna Netrebko, sondern auch noch andere schöne und stimmbetörende Töchter. Im Rahmen des ersten Deutschland-Gastspiels der Moskauer Stanislawski-Oper mit Mozarts "Così fan tutte" in München bewiesen das die beiden Sopranistinnen Ekaterina Shcherbachenko als Fiordiligi, Elena Maximowa als Despina und Mezzosopranistin Natalja Wladimirskaja als Dorabella auf faszinierende Weise und entpuppten sich als wahre Offenbarungen. Gewiss ist die Reithalle in der Heßstraße mit ihren 500 Sitzplätzen nicht als Opernbühne ausgewiesen, doch man hätte sich für das phänomenale Ensemble auf jeden Fall mehr als drei Vorstellungen gewünscht.

Seit Jahrzehnten pflegt die Stanislawski-Oper ganz im Sinne ihrer Gründer Konstantin Stanislawski und Vladimir Nemirovich-Danchenko einen eigenwilligen psychologischen und auch realistischen Inszenierungsstil. Oper war für beide entschieden mehr als nur "Konzert in Kostüm". Und so spielt diese "Così"-Produktion von Alexander Titel, die erst im Mai 2006 in Moskau Premiere hatte, über beide Akte in einem Lazarett im Bambushain, in dem die beiden Schwestern Fiordiligi und Dorabella als Sanitäterinnen stationiert sind. Unterstützt werden sie dabei tatkräftig von der listigen Despina.

Vier Blechlampen an der Decke, ein altes Radio rechts an der Wand, ein Propeller und ein Windstandsanzeiger zur Linken, die den Lazarett-Charakter andeuten, ein paar Krankenliegen, Zinkbadewanne und Koffer, das sind unter anderem die wenigen Requisiten. Zwar erinnern die Uniformen der Herren an die Rote Armee, sie könnten aber auch für andere Truppen stehen. Bevor sich Tenor Alexey Dolgow als Ferrando, Bariton Ilja Pawlow als Guglielmo in diese Uniformen werfen, erscheinen sie in Pyjama und Morgenrock, und Bassbariton Dmitrij Uljanow sitzt als Don Alfonso gar im Rollstuhl. Nach gewonnener Wette findet er immerhin die Kraft, am Stock zu gehen. Auch die Herren sind allesamt stimmlich wunderbar präsent und flexibel. Mit ihrer realistischen Darstellung, die großartig auf die Musik abgestimmt ist, trifft die Inszenierung zudem auch genau den Text.

Wenn dort beispielsweise vom riesigen Magneten die Rede ist, mit dem Ferrando und Guglielmo entgiftet werden sollen (nachdem sie vorgaben, aus unglücklicher Liebe Gift genommen zu haben), wird ein Elektroschockgerät eingesetzt. Mit einem unglaublichen Selbstverständnis und großer Intensität spielen und singen die Protagonisten miteinander, lassen die Abgründe erkennen, in die sie plötzlich gefühlsverwirrt hineingeschlittert sind ­ und nichts wirkt gekünstelt.

Wunderbar klangvoll auch das Orchester der Stanislawski-Oper unter Wolf Gorelik und grandios das Schlusssextett.

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