Ausdauer, Konzentration, Fingerspitzengefühl: Die Musiker der Münchner Symphoniker leisten das nicht auf dem Platz, sondern im Orchestergraben – oft länger, als ein Fußballspiel dauert.

Sportliche Leistungen im Orchestergraben

Mozartschmerzen

München - Man sieht sie nicht, man hört sie nicht, die Leiden der Instrumentalisten im Orchester. Berufsmusiker sind gesundheitlich dauerbelastet wie Leistungssportler.

Auf einem kleinen Bildschirm hinter dem Dirigenten kämpft Captain Jack Sparrow mit erhobenem Dolch. Die Münchner Symphoniker proben die Filmmusik von „Fluch der Karibik“ für ein Konzert im Gasteig. Dann ist Pause. Joachim Kölbl legt seinen Kontrabass zur Seite. Wenn er hohe Töne spielt, muss er weit unten auf seinem Instrument greifen, der Rücken ist gebeugt. „Meine Wirbelsäule sieht aus wie ein Korkenzieher“, sagt der 56-Jährige. Seit Kurzem hat er einen höhenverstellbaren Stuhl, um seinen Rücken beim Spielen zu entlasten.

„Stundenlange Konzerte, tägliches Üben, hohe Konzentration – Musiker sind ähnlich belastet wie Leistungssportler“, sagt Albrecht Lahme vom Europäischen Institut für Sport- und Künstlermedizin in München. Anders als Tänzer oder Fußballer, die ihre Karriere mit Mitte dreißig beenden, spielen die Musiker bis zum Rentenalter im Orchester. Eine Studie der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) zeigt: Jeder zweite Berufsmusiker hat Schmerzen. Meist sind es orthopädische Probleme, sagt Lahme. Besonders Geiger und Querflötisten seien betroffen. Sie spielen ihr Instrument in der Luft, entgegen der Schwerkraft. Das fordert nicht nur musikalisch, sondern auch körperlich.

Fast jeder Geiger kennt den Tennisarm, eine Sehnenentzündung am linken Unterarm vom Greifen der Saiten. Häufig ist auch der Geigerfleck. Das ist eine chronische Entzündung der Haut unterhalb des Kiefers, wo das Instrument aufliegt. Der Lärmpegel im Graben kann zum Problem für die Ohren werden. Jede der Pauken kann so laut werden wie ein startendes Flugzeug.

Am Tag nach der Durchlaufprobe der Oper „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss geht Susanne Gargerle, erste Geigerin im Bayerischen Staatsorchester, zur Physiotherapie. Auf dem Parkettboden der Praxisgemeinschaft Pöhlmann und Götz steht eine grüne Bambuspflanze. Im Vorzimmer trifft Gargerle fünf Kollegen – Geiger und Flötisten. Seit 2013 können sich die Musiker ohne lange Vorlaufzeiten bei den Ärzten behandeln lassen. Das Programm ähnelt dem von Sportlern: Es reicht von Osteopathie über Physiotherapie bis hin zu Ernährungsberatung oder Pilatestraining. Die Kosten dafür trägt die Oper. Susanne Gargerle hat das vorgeschlagen.

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Sie selbst musste wegen eines Sporns in der linken Schulter operiert werden. Er bildete sich wegen der Überlastung durch das Geigen. Vor dem Eingriff saß sie wegen ihrer Schmerzen alle drei Wochen beim Orthopäden, um sich eine neue Überweisung für die Physiotherapie zu holen. Oft fragten die Ärzte sie, ob sie die Geige nicht einfach mit dem rechten Arm halten könne. In den Ohren der Musiker klingt diese Aussage wie ein Scherz. Es ist, wie einem Rechtshänder zu sagen, er solle mit links schreiben oder einem Künstler vorzuschlagen, er könne doch mit der anderen Hand malen. Die Bewegungsabläufe der linken Hand, die Fingersätze für Tonleitern oder das Vibrato, sind bei professionellen Geigern tausendfach gespielt, verbessert und automatisiert.

Wenn ein Streicher an einem Stück von Tschaikowsky oder Brahms übt, spielt er in der Regel fünf bis sechs Stunden am Tag, oft auch mehr. Um die Folgen des langen Sitzens und der einseitigen Belastung kümmern sich die meisten Orchestermusiker erst viel später, zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr, wie die Studie der DOV zeigt. Das ist oft zu spät. Rund 30 Prozent der Berufsmusiker müssen aus gesundheitlichen Gründen schon vor dem Rentenalter aufhören.

Ein Münchner Musiker erzählt von einem ehemaligen Kollegen, dem das passiert ist. Beim Üben in angespannter Haltung hatte er sich einen Nerv eingeklemmt. Er wurde operiert, der Eingriff ging schief, die Handmuskeln erschlafften. Den Bogen der Geige konnte er nicht mehr halten. „Er war sehr gut. Er hat sein Leben lang nichts anderes getan, als Geige zu spielen. Seinen Frust hat er im Alkohol ertränkt.“

Davor will man den Nachwuchs bewahren. An der Orchesterakademie der Bayerischen Staatsoper werden 14 junge Musiker technisch, aber auch psychisch und körperlich auf die Aufnahmeprüfung und das Spielen im Orchester vorbereitet. Wie die Musiker des Staatsorchesters gehen auch die Akademisten zum „Opernscreening“, eine Untersuchung, um Verkrampfungen und Fehlhaltungen schnell zu erkennen und ihnen entgegen zu wirken. Das freut Susanne Gargerle vom Bayerischen Staatsorchester, die das Präventionsprogramm angestoßen hat. Unzählige Besuche beim Orthopäden, hofft sie, bleiben den Akademisten so später erspart.

Sofia Faltenbacher

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