Rolando Villazón
+
„Die Mozartwoche ist machbar“, sagt Rolando Villazón.

Star-Tenor glaubt an Durchführung seines Salzburger Festivals

Mozartwochen-Intendant Rolando Villazón: „Es gibt zu viele Gratis-Streams“

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
    schließen

Mit der Politik wurde alles besprochen, außerdem gibt es ein Hygienekonzept: Warum sollte, so fragt Rolando Villazón, seine Mozartwoche also nicht stattfinden?

  • Die Pandemie-Version der Mozartwoche startet am 21. Januar und bietet 56 Termine.
  • „Das wäre ein Signal zu Beginn des neuen Jahres für die Kultur ganz allgemein“, sagt Villazón.
  • Eine Attraktion ist die Uraufführung eines Mozart-Klavierstücks.

Es wird knapp, aber er bleibt optimistisch. Und das ist typisch Rolando Villazón: Vom 21. bis 31. Januar soll seine Mozartwoche über die Bühnen Salzburgs gehen. Seit 2017 amtiert der Tenor als künstlerischer Leiter des Festivals, das dieses Mal mit 56 Terminen in abgespeckter Form stattfindet. Eine Begegnung in München.

Sie haben zu Beginn Ihrer Intendanz gesagt: Das fühlt sich wie ein Hobby an, nicht wie Arbeit. Ist es mittlerweile anders?

Das soll ich gesagt haben? Es ist viel Arbeit! Wir Künstler meinen ja auch manchmal, das Singen oder Spielen sei wie ein Hobby. Nein: Es ist ein schwerer Beruf, aber ein toller. Was ich zugebe: Ich empfinde eine große Freude, bei der Mozartwoche die Programme zusammenzustellen, Gespräche mit Künstlerinnen und Künstlern zu führen und mit meinem Team in Salzburg zu arbeiten. Eigentlich habe ich noch nie in meinem Leben so viel gearbeitet wie jetzt. Und manchmal umsonst. Gerade durch Corona musste vieles gestrichen und bei Null angefangen werden.

Sie haben 56 Termine programmiert. Wie optimistisch sind Sie, dass alle stattfinden?

Wir tun alles, was möglich ist. Es dürfen nur 50 Prozent der Besucher in die Säle, dazu gibt es ein Hygiene- und Sicherheitskonzept. Das alles ist machbar, also bin ich optimistisch. Meine künstlerische Verantwortung ist erstens, Mozart bestmöglich aufführen zu lassen und das Publikum seine Seele spüren zu lassen – das ist mehr, als nur Konzerte zu veranstalten. Und zweitens: Wir müssen um das Festival und die Stiftung Mozarteum kämpfen. Alle Gespräche, die ich mit den Politikern wegen des Januars hatte, waren sehr positiv.

Also haben Sie Hoffnung?

Ich sehe Hoffnung eher so wie Albert Camus, als „überwundene Verzweiflung“. Ich will alles so sehen, wie es ist, und mit der Realität arbeiten, so wie sie ist. Schon bald wird es neue Entscheidungen und Klarheit geben. Und ich glaube ganz fest, dass eine Mozartwoche möglich ist. Es wäre auch ein Signal zu Beginn des neuen Jahres für die Kultur ganz allgemein. Gerade weil es um Mozart geht: So viele Türen wurden zeit seines Lebens vor seiner Nase zugeschlagen. Und er hat immer weitergemacht, dann eben anderswo und auf andere Weise.

Viele sind wütend angesichts voller Supermärkte und Züge, während die Säle leer bleiben müssen. Sie auch?

Ich bin besorgt, und zwar besonders um die jungen Künstler. Eine ganze Generation hat keine Arbeit und keine Auftrittsmöglichkeiten mehr. Die Theater entwickeln große Energie, um trotzdem irgendetwas zu zeigen. Es gibt allerdings zu viel kostenloses Streaming. Es ist oft großartig, was da gebracht wird. Aber Kultur kostet einfach viel Geld, weil alle Beteiligten etwas verdienen müssen. Nicht nur Künstler, auch Techniker, Kostümbildner, Platzanweiser und so weiter. Plötzlich gibt es alles gratis – und es wirkt tatsächlich so, als ob alle das als Hobby betreiben.

Wie wird das Kulturleben nach der Pandemie sein?

Die Theater werden wieder voll sein. Die Leute hungern nach Live-Erfahrungen. Ich bin als Publikum Teil einer Aufführung im Saal, ganz physisch, sogar auch, weil ich damit die Akustik verändere: Dieses Erlebnis kann kein Stream ersetzen. Trotzdem wird sich vieles verändern. Und nicht alles wird schlecht sein. Wir sehen jetzt, wie manchmal mit ganz kleinen Dingen große Kunst gemacht werden kann. Oder: Brauchen wir überall Neuproduktionen derselben Oper? Können diese Inszenierungen nicht noch stärker ausgetauscht werden? Sollten wir nicht stärker kooperieren?

Wie empfinden Sie selbst die bedrohliche Situation?

Sie wissen, ich mag Clowns und ihre Philosophie. Ein Clown findet sich in seiner Situation wieder, die er nicht kapiert. Er versteht nicht, warum der Tisch wackelt. Warum eine Tasse plötzlich herunterfällt. Er hebt sie auf, stellt sie vielleicht aus Versehen daneben. Wir lachen. Aber er nicht. Er probiert immer weiter. Er bewegt sich in seiner eigenen Realität. In dieser Situation, wenn auch viel schlimmer, befinden wir uns jetzt mit Corona. Wir müssen probieren und diese neue Realität adaptieren lernen. Es ist doch eigentlich Wahnsinn: Wir dachten immer, unsere Strukturen, egal welche, seien fest gefügt und sicher. Und plötzlich kommt ein unsichtbares kleines Ding und signalisiert uns: nein. Puff. Alles weg.

Noch zum Programm: Ihr Festival hat ein 94-sekündiges Mozart-Werk für Klavier ausgegraben. Wird das unser Bild des Komponisten umstürzen?

Dazu möchte ich nicht viel erzählen, all das wird man in dem betreffenden Konzert erfahren. Das ganze Programm dreht sich um die Frage, woher diese 94 Sekunden kommen und warum Mozart sie geschrieben hat.

Einen szenischen „Don Giovanni“ mussten sie auf 2023 verschieben. Sind solche Produktionen derzeit überhaupt möglich?

Es gibt ja im Januar immerhin eine szenische Produktion, „Mozart moves“ im Landestheater. Magdalena Kožena steht auf der Bühne mit zwei Tänzern. Es ist klar, dass Dirigent András Schiff und seine Cappella Andrea Barca ihren Zyklus mit Mozarts drei da-Ponte-Opern bei der Mozartwoche fortsetzen werden. Aber wir haben gemeinsam mit Sir András entschieden, dass wir keine reduzierte Version spielen wollen.

Countertenor Max Emanuel Cenčić hat im Sommer mit großem Erfolg „Bayreuth Baroque“ veranstaltet, Cecilia Bartoli hat sich mit den Salzburger Pfingstfestspielen etabliert, Sie leiten die Mozartwoche: Was machen Sängerinnen und Sänger als Festivalchefs besser als andere?

Ich glaube nicht, dass wir etwas besser machen. Ich habe großen Respekt vor allen Intendanten. Es ist vielleicht anders, wie wir vorgehen, weil wir selber auf der Bühne stehen. Cecilia zum Beispiel ist eine der intelligentesten, wichtigsten, ernsthaftesten Künstlerinnen, die es gibt, und ich bewundere ihren Ansatz. Ihr Festival unterscheidet sich allerdings stark von der Mozartwoche. Was wir Künstler vielleicht können: unsere Bühnenpersönlichkeit, unsere so andere Energie einbringen. Ich bin zuallererst ein Künstler. Ein Sänger und einer, der auch Regie führt, Bücher schreibt oder eben für die Mozartwoche verantwortlich ist. Für mich war und ist es immer wichtig, Licht zu Kunst, Musik, Literatur zu bringen. Ob ich auf der Bühne stehe oder TV-Sendungen mache oder ein Festival leite.

Rolando Villazón im Gespräch mit Feuilleton-Redakteur Markus Thiel.

Nikolaus Harnoncourt sagte immer, Salzburg habe überhaupt keinen Grund, stolz auf Mozart zu sein. Die Stadt habe ihn schließlich mit einem Fußtritt fortgejagt.

Einerseits ist das korrekt. Und Mozart meinte immer, er hasse Salzburg. Es gab aber damals keine guten Orchester und kein gutes Theater in Salzburg. Er hatte auch künstlerische Gründe wegzugehen. Man sollte also nicht zu streng mit Erzbischof Colloredo sein, der ihn fortjagte. Mozart war nicht einfach. Ein Rebell. Aber andererseits darf und muss Salzburg stolz auf Mozart sein. Ich glaube nicht an einen Himmel. Aber wenn Mozart heute runterschauen würde, wäre er superglücklich mit Salzburg.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Informationen
unter mozarteum.at.

Auch interessant

Kommentare