Die Mühen der Ebenen

- Zweifellos, das Theater ist die Königsdisziplin aller darstellenden Künste. Mitunter aber stürzen sich, wenn man sie lässt, die abgehärtetsten Matadore der Mattscheibe oder der politsatirischen Unterhaltung todesmutig hinein in den vielgestaltigen Kosmos großer, klassischer Bühnencharaktere. Und so steigt auch er jetzt hinab aus dem Olymp der Kabarettgötter in die Mühen der Ebenen der Schauspiel- und Sängerkunst.

<P>Wenn im Münchner Gärtnerplatztheater "Der Mann von La Mancha" seinen verblendeten Kampf für alles Gute und Schöne aufnimmt, dann wird eine riesige rote Treppe heruntergelassen, über die Bruno Jonas, gekleidet nach der spanischen Mode des 16. Jahrhunderts, hinabsteigt auf die Bretter, die ihm die Welt bedeuten und die hier das Gefängnis der Inquisition darstellen.</P><P>Starker Auftritt, denn als Dichter Miguel de Cervantes macht Jonas gute Figur. Und sorgt mit ein paar witzigen Steilvorlagen gleich für Stimmung. Will er wissen, wer seine Mitgefangenen sind, sagt der Hauptmann: "Das hier sind nur Diebe, Politiker, Banker . . .". Cervantes: "Ach, der Ackermann ist auch da?" Hauptmann: "Ackermann? - Nee, nicht da. Kommt vielleicht noch."<BR><BR>Marx, Kant, Meister Proper</P><P>Dann beginnt das Spiel im Spiel. Cervantes macht Maske: Perücke, Bart, Helm und Speer. Und singt nun als Don Quijote sein berühmtes Lied. Zwei schlichte Hocker werden für ihn und seinen Diener Sancho zu Gaul und Esel, und auf geht's in den Kampf um die Tugend, um längst eingemottete Glaubensbekenntnisse fahrender Ritter.</P><P>Aber natürlich verwandelt sich Jonas nicht wie einst der in dieser Rolle legendäre Josef Meinrad in seine Bühnenfigur. Jonas bleibt auch hier ganz er selbst, wie ihn alle Welt kennt und liebt. Seine Texthänger werden zu viel beklatschten kleinen Nummern. Seine "Arien" zu bestaunten sängerischen Erfolgen. Und seine mitunter ironische Distanz zum heldischen Quijote-Text, sein bewusst knattermimiges Deklamations-Dehnen der Uus und Oos werden herzlich belacht.</P><P>Mit La Mancha hat das wenig zu tun: Trotz spanischem Feuer, trotz Kastagnetten- und Gitarrenklängen aus dem Graben, wo Dirigent Andreas Kowalewitz ordentlich Tempo vorgibt: Bruno Jonas aber bleibt immer in Bayern, zwischen Gröbenzell und der Wasserburger Landstraße, zwischen Obi und der Winklmoosalm. Was für ihn selbst irgendwie logisch ist. Denn wie weiland Don Quijote begibt sich auch der Kabarettist heute immer wieder aufs Neue in den aussichtslosen, aber idealistischen Kampf mit den Windmühlen und anderen Riesen.</P><P> Doch diese Doppelgleisigkeit hätte besser herausgearbeitet werden können, wenn sich Jonas nur auf seine Rolle konzentriert hätte. Wenn ein Regisseur da gewesen wäre, der ihn kritisch gefordert und ihm schauspielerisch geholfen hätte.<BR>Aber der Regisseur des Abends ist Bruno Jonas selbst. Er hat es mit der nicht gerade einfachen Vorlage des vor 39 Jahren in New York uraufgeführten Musicals von Dale Wasserman schon schwer genug. </P><P>Der ständige Wechsel zwischen "realer" Handlung, nämlich der im Gefängnis, und "erfundener" Handlung, der des Don Quijote, macht die Geschichte kompliziert. Und dazu erzählt sie noch etwas über die Dialektik von Leben, Kunst und Wahrheit. Dass ihm diese Ebene so ziemlich verloren gegangen ist, weiß Jonas wohl auch. Da ironisiert er sich selbst und hangelt sich zitatmäßig mutig zwischen Kant, Marx und Meister Proper hindurch.<BR><BR>Vieles andere aber überlässt er den erfahrenen Musical- und Musiktheaterprofis an seiner Seite. In der stimmlich brillanten und darstellerisch versierten Marianne Larsen als Magd Aldonza/ Dulcinea und dem profunden Buffo Gunter Sonneson als Diener/ Sancho Pansa hat Jonas zwei großzügige Partner und zuverlässige Stützen seines Spiels. Heinz Hauser schuf ihm einen klaren, weiten Bühnenraum. Die Schattenriss-Spielchen an der Rückwand oder das rot glühende Windmühlenfeld verleihen der Aufführung ab und an sogar einen Hauch von Poesie. Und manchmal hat es den Anschein, als würde Jonas selbst von dem Zauber der Bühne ganz ergriffen und gerührt sein.</P><P>Nicht zuletzt ist es diese Aufrichtigkeit, für die ihn das Publikum frenetisch bejubelt. Ihm würde es auch den "Faust" abnehmen oder gar den "Ring". Am Premierenabend jedenfalls hat Jonas schon mal mit entsprechenden Zitaten vorgefühlt. Beim Himmel, dieser Mann hat Witz. <BR></P>

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