Ab in die Müllpresse - Halbherzig: Sebastian Nüblings "Hass"-Version an den Münchner Kammerspielen

München - Dumpfes Pulsieren und ein schleifendes Maschinengeräusch - Blick in einen riesigen, dunkelgrauen Behälter, der eine Öffnung nach oben hat. In die Beklemmung der Zuschauer im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele hinein stürzt mit Getöse eine Lawine von Pappkartons.

Wir befinden uns in einer Müllpresse. Und sie schiebt sich im Laufe der eineinhalb Stunden Spieldauer von "Hass" tatsächlich zusammen. Aber nur ein bisschen. Das Bedrohungsszenario, das Regisseur Sebastian Nübling mit seinem Stück aufbaut, bleibt halbherzig - wie die Inszenierung auch.

Das Projekt nach dem französischen Spielfilm "Hass" (1995) von Mathieu Kassowitz um drei Jugendliche aus den Pariser Vorstädten erlebte am Freitagabend als Fassung von Nübling, Dramaturgin Julia Lochte und dem Ensemble aus Katja Bürkle, Brigitte Hobmeier und Katharina Schubert seine Uraufführung. Aber keine Angst, das Gefährlichste an dem Stück - wie auch am Film - ist sein Titel. Ansonsten geht die Sache auf der Bühne, noch mehr als auf der Leinwand, harmlos ab. Insofern ist Nüblings Versuch ein angenehm unaufgeregter Kommentar zu der auf fleißig geschürter Flamme hochgekochten Diskussion über Jugendgewalt bei Menschen "mit Migrationshintergrund", wie es ach so politisch korrekt heißt.

Aber diese "Hass"-Version ist in jeder Hinsicht zu unentschlossen, um tatsächlich einem ohnehin differenziert urteilenden Theaterpublikum neue Einsichten vermitteln zu können. Sie reizt weder zum Widerspruch noch zum Mitleid. Höchstens mit den drei exzellenten Schauspielerinnen, die selbstlos und mit nicht nachlassender Energie die Nübling-Inszenierung über die Bühne bringen. Arme und Beine eingepackt, damit sie das wilde Herumgeturne, -gefalle und -gespringe in dem Schachtelberg unverletzt überstehen.

Schubert, Hobmeier und Bürkle verkörpern eindrucksvoll die Film-Burschen Said, Vince und Hubert, die versuchen, sich halbwegs heil durchs Leben zu schlagen. Was im Kino französische Wirklichkeit samt teilweise espritvollem Humor ist, ist auf der Münchner Bühne sauberer Papp-Müll, also Reste von Konsummassen, und Frauen als Burschen in clowneskem Slapstick. Völlig überflüssig ist dabei, dass sich die Darstellerinnen auch noch mit Tiermasken beziehungsweise Pinocchio-Nase herumplagen müssen.

Trotzdem ergibt die Konstellation eine gelungene Verfremdung durch Komik, denn sie entdämonisiert das blöd-naive, pseudo-gewalttätige Macho-Gehabe, womit manche Jungmänner glauben, ihre Männlichkeit beweisen zu müssen. Zugleich aber werden sie liebevoll lächerlich gemacht, sodass wir sie trotz nervender Fäkal-Sex-Sprache als eigentlich ganz nette Kerle wahrnehmen.

Wer Kassowitz' Film nicht kennt, wird es im Theater schwer haben zu verstehen, warum die Jungen in einer Müllpresse stecken.

Arbeitslosigkeit, Aussichtslosigkeit, Armut, religiöse und kulturelle Entwurzelung, Rassismus und Polizeiwillkür (Folter, Tod eines Freundes) sausen in Nüblings Inszenierung als Satz-Salven über französische Zustände um die Ohren des deutschen Publikums. Aber dem Regisseur geht's gar nicht so sehr um Verständnis, sondern darum, bei der theatralen Umsetzung des Films nur ja Bühnentaugliches hinzubekommen. Seine Angst zu langweilen jagt die Künstlerinnen durch Sätze, Szenen und Schachteln - und gerade deswegen gibt es immer wieder Durchhänger. Bis zum nächsten Einfall.

Insgesamt ist Nüblings und Julia Lochtes "Hass" ein gescheiterter Versuch. Er hätte höchstens als bescheiden konzipiertes Projekt für den Werkraum getaugt - als Ergänzung des Stücks "Ausgegrenzt". So aber wurde das Unterfangen aufwändig (Bühne: Muriel Gerstner) fürs große Haus aufgeplustert. Dieser Pomp und vor allem die drei Schauspielerinnen machen die Aufführung erträglich, rechtfertigen sie aber nicht.

Nächste Vorstellungen:

22. und 30. Januar.

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