Blick ins Foyer des Münchner Amerikahauses, in dem einer Hulk-Statue steht.
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Willkommen in der Welt der Superhelden: Eine Hulk-Statue begrüßt die Gäste im Foyer des Münchner Amerikahauses.

Das Münchner Amerikahaus zeigt die Ausstellung „60 Jahre Marvel Comics Universe“

Superhelden erobern das Amerikahaus

  • Michael Schleicher
    vonMichael Schleicher
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Er ist die Heimat der X-Men, der Fantastischen Vier, von Spider-Man und Iron Man: der US-Comicverlag Marvel. Zum 60-jährigen Bestehen des Konzerns zeigt das Amerikahaus in München die Schau „60 Jahre Marvel Comics Universe“.

Daniela Ludwig ist die Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Sie muss stark sein, sollte sie diesen Text lesen. Ebenso superstark wie alle anderen, die sich – zum Glück! – in der Suchthilfe engagieren. Aber manchmal hängt Erfolg tatsächlich an der Promillezahl. Steigt Letztere, schnellt Erstgenannter in die Höhe. So geschehen im Jahr 1979 bei Tony Stark.

„60 Jahre Marvel Comics Universe“ läuft bis 30. September

Diese Heldenfigur, geschaffen 1963 von Stan Lee, Larry Lieber und Zeichner Don Heck für den US-Comicverlag Marvel, hatte ein zunehmendes Akzeptanzproblem bei den Lesern von Superheldengeschichten: Wer mag schon einen arroganten Lackel, Weiberhelden und Multimillionär, der seine Dollars durch Waffengeschäfte scheffelt? Reichlich mieses Karma also – da half auch nicht, dass Stark in seiner Heldenexistenz als Iron Man Gutes tat.

Iron Man wurde 1979 zum Alkoholiker

Rettung kam schließlich aus der Flasche: Autor David Michelinie sowie die Zeichner John Romita jr. und Bob Layton machten Stark zum Alkoholiker – „Demon in a Bottle“ hieß Heft Nummer 128, das im November 1979 in den Handel kam. Und tatsächlich: Der Dämon aus der Flasche brachte das Mitleid der Leser – und den Verkaufserfolg.

Es ist eine von vielen Geschichten aus der so facetten- wie umfangreichen Ausstellung „60 Jahre Marvel Comics Universe“, die jetzt im generalsanierten Münchner Amerikahaus zu sehen ist. Die Tony-Stark-Episode verrät zudem vieles über die DNA des US-Verlags: Marvel-Figuren sind einfach näher dran am Leben der Zielgruppe. Wer kann sich schon den geschleckten Superman vom Konkurrenten DC mit Dreitagebart, Augenringen und Schweiß im Gesicht vorstellen – wie Iron Man in der Alkoholiker-Ausgabe? Eben. Peter Parker, der als Spider-Man im Spinnendress kämpft und als bekanntester Held im Marvel-Kosmos gilt, ist, als er im Sommer 1962 Premiere feiert, finanziell genauso klamm und bei Mädchen ebenso verklemmt wie die – vornehmlich männlichen – Jugendlichen, die seine Geschichten lesen.

Begonnen hat all das auf dem Golfplatz: Als Martin Goodman, Verleger von Timely Publications, Anfang der Sechziger auf dem Grün von seinem DC-Konkurrenten hörte, dass sich deren Superhelden-Mannschaft, die „Justice League of America“, gut verkauft, beauftragte er seinen Chefredakteur Stan Lee, ein eigenes Team an den Start zu bringen. Lee kreierte mit Zeichner Jack Kirby die „Fantastic Four“, und mit diesen vier Fantastischen begann 1961 die Ära des neuen Verlags.

Michael Kompa kuratierte „60 Jahre Marvel Comics Universe“

Kurator Michael Kompa, der vor zwei Jahren fürs Amerikahaus die sehr gute Schau zum 80. von Batman organisierte, erzählt die Marvel-Historie anhand prägender Figuren. Dabei zeigt er mehr als 180 Originalzeichnungen, Briefe und Merchandise-Artikel. So ist am Karolinenplatz tatsächlich eine eindrucksvolle Ausstellung entstanden, die zahlreiche Zeichenstile versammelt und damit die Kunst des (Superhelden-)Comics aufblättert. Geschickt arbeitet Kompa heraus, wie nah Marvel am Puls und den Themen der Zeit war: Black Panther ist 1966 – auf dem Zenit der US-Bürgerrechtsbewegung – die erste schwarze Heldenfigur; die X-Men thematisieren Antisemitismus und bringen 2012 eine homosexuelle Hochzeit auf den Titel. Zu einer Zeit, als gleichgeschlechtliche Ehen in manchen US-Bundesstaaten noch illegal sind.

Berührend und nur ein bisschen pathetisch: Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 reagierte auch der Konzern, der in New York City seinen Sitz hat: In der Stadt lebt Peter Parker – und das „Spider-Man“-Heft nach dem Terrorangriff erschien mit komplett schwarzem Cover. Erzählt wird, wie die Superhelden-Familie vereint in Trauer und Ratlosigkeit zusammenhält. Marvel spendete alle Erlöse des Comics.

Informationen zur Ausstellung:

Bis 30. September 2021, Mo.-Fr. 16-20 Uhr, Sa./So. 10-18 Uhr, Karolinenplatz 3; Eintritt frei.

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