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München: Arno Rafael Minkkinens fantastische Fotografien im Kunstfoyer - unser Ausstellungstipp!

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Von: Katja Kraft

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„Stranda Trees“ von Arno Rafael Minkkinen
Finde das Bein! Der Künstler inszeniert sich als Teil der Natur – wie wir alle Teil der Natur sind. © Arno Rafael Minkkinen

Die Fotografien von Arno Rafael Minkkinen finden sich in den Sammlungen des MoMa bis zum Centre Pompidou. Nun zeigt das Kunstfoyer München Minkkinens fantastische Fotokunst. Absolut sehenswert!

Neulich hat Arno Rafael Minkkinen eine zauberhafte Fotografie gesehen. Darauf eine Brücke, getaucht in das leuchtende Orange eines Sonnenuntergangs, wie ihn Künstlerin Natur nicht hätte schöner zaubern können. Im Zentrum noch dazu ein Vogel, genau im rechten Augenblick an der Linse des Fotografen vorbeigeflogen. Großartig! Minkkinen, Mann vom Fach, gratulierte dem Kollegen zu dieser fantastischen Momentaufnahme. Und der? Erzählte ihm stolz, dass er den Vogel am Computer nachträglich eingefügt habe. Bei dieser Offenbarung muss es sich in Arno Rafael Minkkinens Kopf angefühlt haben, als würde das Federvieh direkt vor seinen Augen gegen eine Mauer krachen. Am Computer eingefügt? Das widerspricht allem, woran dieser Mann glaubt.

„Grand Canyon (Self Portrait)“ von Arno Rafael Minkkinen
Wie er das gemacht hat? Das bleibt – wie bei allen seinen Selbstporträts – Arno Rafael Minkkinens Geheimnis. „Grand Canyon (Self Portrait)“ von 1995. © Arno Rafael Minkkinen

Seit mehr als fünf Jahrzehnten geht der inzwischen 77-Jährige körperlich an seine Grenzen, um unverfälschte Bilder einzufangen. Ohne Assistenten, ohne Photoshop. Wie Wahrhaftigkeit aussieht, erlebt, wer in das Kunstfoyer der Bayerischen Versicherungskammer in München kommt. Der Künstler selbst ist gerade in der Stadt, um bei der Eröffnung seiner bisher größten Einzelausstellung dabei zu sein. Sichtlich gerührt läuft er mit einem durch die Räume. Ein alter, großer, hagerer Mann am Gehstock. Schaut man nach rechts an die Wand, sieht man denselben Mann, wie er mal wieder in abstrusen Höhen an irgendeiner Felswand hängt. Oder komplett im Schnee eintaucht, nur ein nacktes Bein und ein nackter Arm lugen heraus. Das ist er nicht vor 50 Jahren, sondern 2016. „Man sieht es mir nicht an, aber körperlich bin ich noch ziemlich zäh“, meint er schmunzelnd.

Und mutig. Ob er Angst hat vor Aktionen wie 1997 in Utah, als „Hite“ entstand? Man sieht darauf nur seine Beine bis zum Knie, nach vorne gebeugt, die Füße direkt auf der Kante eines bedrohlich hohen Felsens. Kurz vor dem freien Fall. Wie zur Hölle er das auch immer gemacht hat – er musste es machen. „In der Nacht vor solchen Aktionen habe ich Angst. Aber der Drang nach dem Foto ist stärker.“ Kopf sagt: Nein. Herz schreit: Ja!

Arno Rafael Minkkinen nutzt niemals Photoshop

Herz ist in allen seinen Bildern. Für die Natur, für unseren Planeten, für Aufrichtigkeit. Denn Fotos sind gemacht dafür, die Realität abzubilden. Die Wunder und die Schrecken dieser Welt. Es ist wahr, dass die Polkappen schmelzen. Es ist wahr, dass Kinder in Kriegen sterben. Es ist wahr, dass Tiere für billiges Fleisch gequält werden. All das ist wahr. Aber es fällt leichter, das zu verdrängen. Wir sagen dann: alles Fake, retuschierte Fotos. Genau deshalb sind Arno Rafael Minkkinens Werke so wichtig. Weil sie uns den Glauben an die Echtheit der Bilder zurückgeben. Und uns wieder hinschauen und staunen lassen.

Weil immer die Frage nach dem „Wie?“ im Raum schwebt. Etwa wenn auf einem Foto nur drei seiner Finger auf einer Holzfläche zu sehen sind. Wo bitteschön sind die anderen zwei? Und der Rest seines Körpers? Da lächelt er. Und schweigt. Wie ein Zauberkünstler, der Sorge hat, dass die Magie verloren geht, wenn er den Trick verrät. Nur so viel: Minkkinen hat sich schon häufig in Gefahr gebracht bei seiner Arbeit. Deshalb setzt er fast immer auf Selbstporträts: Er kann es schlichtweg nicht verantworten, anderer Leute Leben zu riskieren.

Auch der Tod ist Thema in Arno Rafael Minkkinens Selbstporträts

Die Fotos führen die Betrachter durch rund 30 Länder. Wechselnde Hintergründe, derselbe Mensch. Nackt. Nicht, weil der finnisch-amerikanische Künstler nudistisch veranlagt wäre. Kleidung würde die Bilder zeitlich verorten. Doch das, was er kreieren möchte, soll aus der Zeit gehoben wirken. Es ist eine Reise durch Zeit und Raum. Die Kamera bewegt sich, der Körper ist derselbe. Doch auch dies ist wahr: Er wird älter. Er wird sterben. Minkkinen hat für ein Foto schon einmal Probe gelegen, auf der Wasseroberfläche treibend. Dazu die Bildunterschrift: „Dead Man swimming“ (2021). Humor, noch ein wichtiger Aspekt in seinem Œuvre.

„Laurence“ von Arno Rafael Minkkinen
Wo sind seine, wo ihre Hände? Verwirrspiel aus dem Jahr 2002. © Arno Rafael Minkkinen

Dieser erst junge, dann älter werdende Körper fügt sich ein in die Natur, schmiegt sich an. Manchmal so sehr, dass man den Menschen erst auf den zweiten Blick erkennt. Dann wird die Ausstellung zu einem Suchspiel. Die Bäume am Ufer des finnischen Sees zum Beispiel wirken wie drei normale Birken. Doch wer genauer hinschaut, sieht, dass ein Stamm in Wahrheit das Bein des Fotografen ist. Den Auslöser hat er im Mund, um die mitunter artistischen Inszenierungen ohne Assistenten umsetzen zu können.

Auf einigen Bildern schaut es aus, als wollte er die Welt umarmen. All die Schönheit. Indem er sich als Teil dessen inszeniert, führt Minkkinen uns sehr sinnlich vor Augen, dass auch wir Natur sind. „Dann muss man sich fragen: Warum zerstören wir uns selbst?“

Bis 27. November 2022 im Kunstfoyer München, Maximilianstraße 53, täglich 9.30 bis 18.45 Uhr, Eintritt frei mit Reservierung hier. Katalog: „Minkkinen“. Kehrer Verlag, 330 Seiten mit 288 Abbildungen; 75 Euro.

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