München ist bildverliebt

- Wehmut? "Ein bisschen schon, aber nicht zu viel." Christoph Vitali, mächtiger, ideenreicher, kommunikativer Chef des Münchner Hauses der Kunst, verabschiedet sich an diesem Samstag von der Stadt. Und zwar so üppig, kunstsinnig, spektakulär, wie er zehn Jahre lang die Ausstellungshalle an der Prinzregentenstraße "bespielt" hat - mit der "Langen Nacht des Barock" (Einlass: 19 Uhr). Dass Vitali München verlässt, um in der Nähe Basels die noble Sammlung Beyeler zu leiten, liegt daran, dass Kunstminister Zehetmair einen Wechsel im Haus der Kunst angestrebt hatte.

<P>Mit welchem Gefühl sehen Sie dem Abschiedsfest entgegen?<BR>Vitali: Mit dem Gefühl, ein gutes Kapitel einigermaßen anständig abgeschlossen zu haben. Das Haus der Kunst - das waren zehn wichtige Jahre in meinem Leben. Sie haben wunderbar begonnen mit der Ausstellung "Elan vital". Und enden jetzt genauso wunderbar mit der "Barocken Sammellust". Ich hoffe, dass auch die Münchner dieses Jahrzehnt in guter Erinnerung behalten.</P><P>In zehn Jahren 110 meist glanzvolle Ausstellungen. Und das bei einem Etat von nur zwei Millionen Euro. Ihrem Nachfolger, Chris Dercon, wurden 1,3 Millionen Euro mehr zugesagt . . .<BR>Vitali: Das gönne ich ihm. Wir hatten immer zu wenig Geld, von Anfang an. Als es dann im achten Jahr plötzlich nicht mehr reichte, als wir mit der "Odysseus"-Schau unseren finanziellen Rahmen sprengten, kam es zu den schrecklichen Verwerfungen. Doch ich will die alten Geschichten nicht mehr aufwärmen. Aber ein bisschen mehr Geld, das hätte uns mehr Sicherheit gegeben. Nun, der Druck hat auch sein Gutes, allerdings ist er wahnsinnig anstrengend.</P><P>Welche Ihrer Ausstellungen war Ihnen die liebste?<BR>Vitali: Vielleicht "Die Nacht". Da hatten wir von der spätgotischen Phase bis zu den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts eine hervorragende Reihe exquisiter Werke hier im Haus, so dass ich mich noch heute darüber wundere, dass es uns gelungen war, so viele zusammengetragen zu haben.</P><P>Sie haben mit viel Fantasie, Diplomatie, Kennerschaft und Kraft es geschafft, den alten Kahn "Haus der Kunst" wieder flott zu machen. Heute, so sagt man, sei die Zeit der großen Kunsthallen ohne eigene Sammlung vorbei. Sehen Sie das auch so? Oder ist dem Haus der Kunst eher die Pinakothek der Moderne zur unüberwindbaren Konkurrenz geworden?<BR>Vitali: Das glaube ich nicht. Was die Situation wirklich verändert hat, ist die augenblickliche Preis- und Wertsteigerung der Kunst. Es ist immer schwieriger, ein reines Ausstellungshaus zu betreiben. Und das ist nicht nur eine Frage des Geldes, sondern überhaupt der Erhältlichkeit. Und damit wird es immer komplizierter, ein Haus auf der Basis guter Ideen zu zu führen. Als ich nach München kam, hatte ich auch gedacht, dass es leichter sei, Leihgaben aus den hiesigen Museen zu bekommen.</P><P>Was war die meist besuchte Ausstellung?<BR>Vitali: Die Sammlung Barnes, 1995. 650 000 Besucher. Das war der große Durchbruch.</P><P>Wenn Sie München und das Münchner Publikum heute vergleichen mit dem vor zehn Jahren: Hat es sich verändert?<BR>Vitali: Nein. Die Neugier und die Begeisterung in dieser Stadt sind ungebrochen. Dagegen ist Frankfurt, wo ich vorher war, viel schwieriger. Frankfurt ist bildfeindlich. München ist bildverliebt. Das Publikum hier ist, wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen, doch immer ein wissendes. Die Floskel, dass man hier vor allem nur schick und selbstverliebt sei, halte ich für einen Allgemeinplatz. Nach wie vor ist München die bedeutendste Kunststadt Deutschlands.</P><P>Sie sind der Erfinder der "Langen Nächte" und verabschieden sich jetzt auch mit der "Langen Nacht des Barock". Sind Sie ein Nachtmensch?<BR>Vitali: Ich bin ein absoluter Nachtmensch. Wichtig ist: Bei der "Langen Nacht" muss es immer so sein, dass natürlich die Kunst im Vordergrund steht. Auch diesmal wird es wieder die ganze Nacht Führungen geben und Bildbesprechungen.</P><P>Und sind Sie, wenngleich Sie gar nicht so aussehen, auch ein barocker Mensch?<BR>Vitali: Barock bin ich sicher, weil mir die Kunst als Ganzes großen Spaß macht. Ein Protestant mit Leib und Seele bin ich jedenfalls nicht.</P><P>Wären Sie gerne noch länger in München geblieben?<BR>Vitali: Ich wäre gerne noch fünf Jahre geblieben. Aber man soll's nicht beweinen.</P><P>Das Gespräch führte Sabine Dultz</P>

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