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Sauber eingeschenkt: „Die Affäre Rue de Lourcine“ im Münchner Residenztheater

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Von: Michael Schleicher

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Szene aus „Die Affäre Rue de Lourcine“ am Münchner Residenztheater mit Thomas Lettow, Michael Wächter und Mareike Beykirch.
Hoch die Tassen! Lenglumé (Thomas Lettow, Mi.) und sein Saufkumpan Mistingue (Michael Wächter) lassen nichts unversucht, um ihren Kater zu kontern. Hier beobachtet von Norine (Mareike Beykirch). © Sandra Then/Münchner Residenztheater

Das Münchner Residenztheater zeigt „Die Affäre Rue de Lourcine“. András Dömötör hat die Komödie um einen Filmriss inszeniert. Unsere Premierenkritik:

Ein Theaterabend wie ein kräftiger Schnaps: kurz, knackig, knallt gut. Es ist eine schöne Tradition, dass das Staatstheater zum Ende eines Jahres auch mal auf den Boulevard hinabsteigt. Fürs Münchner Residenztheater hat András Dömötör nun „Die Affäre Rue de Lourcine“ inszeniert – als wilden, abgründigen Spaß, der am Freitag (18. November 2022) seine heftig beklatschte Premiere feierte.

Münchner Residenztheater: eine Boulevardkomödie zum Jahresende

Die Salonkomödie von Eugène Labiche (1815-1888) wurde 1857 uraufgeführt und ist auch ein Kommentar aufs Pariser Theater der Zeit. Dömötör und seine Dramaturgin Katrin Michaels haben den Text geschickt an entscheidenden Stellen in die Gegenwart geholt – und ihn an anderen bewusst im Frankreich des 19. Jahrhunderts belassen. So ist der Diener Justin hier ein Kindermädchen, das eigentlich Anita heißt und aus Ungarn stammt. Lenglumés Gattin Norine will ihr unbedingt fair und politisch korrekt begegnen – und entlarvt dabei doch die eigene Überheblichkeit, den eigenen Rassismus. Wenn die Angestellte Ungarisch spricht oder denkt, wird sie übertitelt – da ihr Arbeitgeber („Übertitel?! Und das in meiner Wohnung!“) die Schriftart altmodisch findet, ändert die Technik sie flugs in eine serifenlose Typografie.

„Die Affäre Rue de Lourcine“ wurde 1857 uraufgeführt

Bereits im Original führt „Die Affäre Rue de Lourcine“ das Theater als Theater vor – das ist noch immer witzig. Vor allem aber wird hier erzählt, wie Lenglumé, ein gut situierter Bürger, nach einer durchsoffenen Nacht neben einem fremden Mann erwacht, mit dem er nun mühsam die zurückliegenden Stunden rekonstruiert. Bald sind beide überzeugt, im Suff ein Kohlemädchen ermordet zu haben – und setzen fortan alles daran, dieses Verbrechen zu vertuschen. Das freilich ist ein vogelwilder Wahnsinn, den Dömötör krachend und flott inszeniert hat.

Sigi Colpe hat die Wohnung von Lenglumé und seiner Frau als hellen Raum auf die Bühne gebaut, Geld spielt hier keine Rolle, Möglichkeiten zum Auf- und Abtritt links und rechts sorgen für beste Klipp-Klapp-Theaterbedingungen, wie man sie von Boulevardkomödien kennt. Lediglich Lenglumés Gedächtnislücke schiebt sich immer wieder als Kabine aus schwarzen Gummibändern in den Weg.

Das Ensemble geht das hohe Tempo im Residenztheater mit

Das fünfköpfige Ensemble geht das hohe Tempo mit; ein paar Unsauberkeiten beim Timing werden im Lauf der Spielzeit noch einrasten. Thomas Lettow als Lenglumé und Michael Wächter, der dessen Saufbruder Mistingue spielt, chargieren herrlich komisch und drehen mit großem Körpereinsatz sowie ordentlich Gesichtsakrobatik an der Irrsinnsschraube. Hochprozentig hochtourig. Für Norine und Justin/das ungarische Kindermädchen gibt Labiches Vorlage zwar nicht so viel her wie die Herrenrollen. Doch Mareike Beykirch in der Rolle der Ehefrau destilliert aus eben diesem Umstand genug Humor- und Emanzipationspotenzial für ihre Figur, ebenso wie Barbara Horvath, die ihrer Hausangestellten mehr als einen trockenen Abgang schenkt.

„Die Affäre Rue de Lourcine“ ist jedoch nicht nur ein greller Spaß, sondern zeigt, was tief in uns schlummert. „Mein Gott, ich bin ein Monster“, konstatiert Lenglumé – und scheint die Feststellung in keinem Moment zu hinterfragen. Konsequent schickt die Regie ihn daher in den Keller seiner Seele: Lettow hetzt durch Unterbühne und Theater-Katakomben, verfolgt von Kameramann Christoph Karstens. Dömötör zeigt diesen abgründigen Albtraum, in dem Lenglumé und Mistingue glauben, Zeugen aus dem Weg räumen zu müssen, mit schönen Anleihen aus dem Horror- und Splatterkino. Am Ende, so viel darf verraten werden, hat’s offenbar nur die Katze erwischt. Oder war’s ein fetter Kater?
(Noch mehr Theater: Lesen Sie hier unsere Kritiken zu „Pussy Sludge“ am Münchner Volkstheater sowie zu „Warten auf Platonow“ am Münchner Residenztheater.)

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