München-Gastspiel: Kinder sollen tanzen

- Eigentlich wollte er Erzieher werden. Nach fünfjähriger Ausbildung gönnt sich Thomas Kopp eine Auszeit in New York, stolpert mehr aus Zufall in ein Tanzstudio ­ und kommt vom Tanzen nicht mehr los. In der Münchner Iwanson Schule holt sich Kopp den letzten Schliff, bevor er in seiner Heimatstadt Würzburg selbst ein Tanzstudio eröffnet.

Aber das Choreographieren ist seine große Leidenschaft. 1997 gründet er eine eigene Compagnie. 2005 wird er Leiter des tanzSpeichers Würzburg: als reine "zeitgenössische Tanzbühne" ein bayerisches Modellprojekt. Am Wochenende gastiert er erstmals in München mit "phänomenMozart ­ . . . nie getrübte Schönheit" (i-camp-Theater).

Der tanzSpeicher Würzburg, von einer solchen festen Bleibe träumt die Münchner freie Szene seit Jahren, vergebens.

Thomas Kopp: Für mich war‘s auch wirklich wie ein Dornröschenerwachen. Als alte Lagerhallen zum Kulturspeicher umgebaut wurden, konnte ich mir im Gebäudekomplex einen geeigneten Theaterraum aussuchen.

Eine Chance, aber nicht in den Schoß gefallen. . .

Kopp: Ich fing ja zunächst in einem kleinen Unterrichtsraum an. Zu dem Zeitpunkt war der Begriff "zeitgenössischer Tanz" in Würzburg noch ein Fremdwort. Jetzt hat der tanzSpeicher 96 Prozent Auslastung. Davor liegen aber gute zehn Jahre Aufbauarbeit. Meine Tänzer habe ich mir selbst herangezogen, und unsere Produktionen waren erst mal eigenfinanziert. Auf meine Initiative entstanden auch die zeitgenössische Biennale "Tanzlandschaft" und vor 12 Jahren die "Bayerischen Jugendtanztage". Da kommen immer 800 bis 1000 Jugendliche aus ganz Bayern, aber auch aus anderen Landesteilen zusammen. Die S. Oliver Arena wird jedes Mal zu einem richtigen Trainingspalast, und bei der Schlussveranstaltung sind es zwischen 3000 und 5000 Zuschauer, Lehrer, Eltern, Freunde, aber auch Stadträte und Bürgermeister. Wir haben jetzt übrigens das Copyright auf diese Veranstaltung.

Damit sind Sie so etwas wie Bayerns Royston Maldoom in "Rhythm is it"?

Kopp: Es macht unheimlich Spaß, junge Menschen zum Tanzen zu bringen und etwas Neues zu kreieren. So wie jetzt unsere Austausch-Projekte. Magali Sander-Fett vom Bremer Tanztheater tritt bei uns auf, wir in Bremen. Ideen flott umzusetzen, spontan, mit wenig Bürokratie, da bin ich daheim.

Womit wir beim tanzSpeicher-Konzept wären.

Kopp: Es gibt mehrere Säulen. Einmal den Unterricht für Tanzstudenten, Profis und Amateure in allen Stilen, vom Modern Dance bis zu Flamenco und Akrobatik. Dann die Veranstaltungen. Neben meinen Premieren und meinem Repertoire die Gastspiele von Compagnien verschiedenster Stilrichtungen ­ ob nun von Wim Vandekeybus oder Sasha Waltz. Ich bin eher fit, wenn es um die Nachwuchsgarde geht.

Zu "phänomenMozart".

Kopp: Meine Compagnie hatte noch nie zu klassischer Musik getanzt. Da fiel ­ im Mozartjahr ­ die Wahl auf seine Krönungsmesse, eine Musik, die bestimmten liturgischen Regeln folgt. Mir kam irgendwie auch noch ein Benimm-Buch aus den 50er-Jahren in die Hände. Meine Idee war dann, der Musik eine ungezwungene Formensprache entgegenzusetzen, sodass ein ironischer Blick auf Regelwerke jeglicher Art möglich würde.

Gleich danach, im Sommer 2006, folgte ihr "gegen / warts / moment", ein ernstes Stück.

Kopp: Es handelt vom Altern, unseren Ängsten davor und dem falschen Jugendwahn. Älterwerden kann auch wunderschön sein. Ich habe als Erzieher mit Behinderten gearbeitet und von ihnen mehr gelernt, als ich ihnen geben konnte .\x0f.\x0f. den Menschen so zu akzeptieren, wie er ist.

"phänomenMozart" am 13./14. 1., 20. 30 Uhr, i-camp, Karten 089/ 65 00 00. Anfang März ist die thomas kopp kompanie auch eingeladen zu "Made in Bavaria", einer regionalen Tanzplattform, die acht Choreographen aus Bayern in München versammelt.

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