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Thielemann - bleibt er doch in München?

München geht wieder auf Dirigent Thielemann zu

München - Der internationale Druck zeigt offenbar Wirkung: Aus dem Münchner Rathaus dringen in der Causa Christian Thielemann ungewohnte Töne, hat die Stadt gestern doch vorsichtig Gesprächsbereitschaft signalisiert.

„Das Vertragsangebot liegt vor, und es scheint nicht ausgeschlossen, dass der Stadtrat bei einer Zustimmung von Herrn Thielemann im Interesse der Sache eine Vertragsverlängerung erneut diskutieren würde“, ließ Kulturreferent Hans-Georg Küppers verlauten.

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Das alles ist, gemessen am Kurs der letzten Wochen, fast die Wende – auch wenn es Küppers selbst nicht so einstuft. „Wir halten eben die Kommunikation über die Medien nicht optimal, sondern wollen uns einfach mit ihm zusammensetzen“, sagte Küppers unserer Zeitung. Dies allerdings, wie er betont, auf der Grundlage des derzeitigen Vertragsentwurfs. Und der sieht bekanntlich vor, dass das Letztentscheidungsrecht in strittigen Fragen bei Intendant Paul Müller liegen soll. „Der Stadtrat hat mich nicht beauftragt, neue Verhandlungen zu führen“, so Küppers. Er wolle allerdings das Ergebnis des Gesprächs nicht vorwegnehmen, man werde dieses „offen“ führen.

Die Stadt schreibt in ihrer gestrigen Mitteilung, dass eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Generalmusikdirektor, Orchester und Intendant „höchste Priorität“ habe. Zudem sei man in den Verhandlungen mit Christian Thielemann „bis an die Grenzen gegangen“.

Thielemann selbst ist in diesen Tagen in pikanter Mission unterwegs. Jeden anderen hätte die Staatskapelle Dresden anrufen können. Aber dass das Orchester ausgerechnet seine Nummer wählte und ihn um ein Einspringen für den erkrankten Noch-Chef Fabio Luisi bat, ist sehr vielsagend. Dreimal ließen sich Thielemann und die Staatskapelle für Bruckners achte Symphonie umjubeln. Aber war’s deshalb schon die Dresdner Verlobung?

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Die Sache sieht (noch) nicht so aus. Natürlich, so ist aus dem sächsischen Orchester zu hören, interessiere man sich für Christian Thielemann. Und schon vor längerer Zeit seien ja zwei Konzerte mit Beethovens Missa Solemnis vereinbart gewesen, die im Februar folgen werden. Als branchenübliches Vordirigat möchte man Thielemanns aktuelle Taten allerdings nicht einordnen. Anders als die Münchner Philharmoniker befindet sich die Staatskapelle Dresden, die in der Semperoper beheimatet ist, in einer komfortablen Situation. Die Sachsen haben den besseren Namen, können sich ihre Chefs also mehr oder minder aussuchen. Dementsprechend selbstbewusst wird dort abgewunken: Fabio Luisi mag Dresden 2012 verlassen. Bei der Begutachtung möglicher Nachfolger will man sich deshalb noch lange nicht drängen lassen. Anders in München: Sollte die Stadt hart bleiben und ab 2011 Thielemann von den Philharmonikern vertreiben, wäre hier ein Kollege von seinem Kaliber schwerlich zu finden.

„Ja, natürlich, das Orchester liegt mir“, hat Thielemann gerade in der FAZ über die Staatskapelle Dresden geurteilt – zumal diese nicht nur Konzerte spielt, sondern auch Thielemanns vielleicht noch heißer geliebte Oper. „Aber trotzdem muss man sehr vorsichtig sein mit diesen Spekulationen. Man darf sich nie selbst ins Spiel bringen, das müssen andere tun.“ Der Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker bleibt dennoch seiner Linie treu: Einen Wechsel nach Dresden könnte er sich vorstellen. Noch lieber wäre ihm allerdings, er bliebe über 2011 hinaus an der Isar.

Noch ist die Situation verfahren. Da sind die Philharmoniker, denen trotz mancher Einwände bewusst ist, dass sie einen Star wie Thielemann brauchen. Da ist der Dirigent, der aus Selbstwert-Überlegungen signalisieren muss, dass er auch abwandern kann und München nicht braucht. Und da ist die Stadt, deren Trennungsbeschluss auf Kopfschütteln stößt und die Konzertbesucher empört hat. Immer deutlicher wird indes, dass sich alles nicht allein ums Letztentscheidungsrecht in künstlerischen Fragen dreht, sondern auch um Finanzielles. Thielemann hat daher eine weitere Vertragsklausel öffentlich gemacht: Falls die Gewerbesteuer-Einnahmen unter einen bestimmten Wert sinken, kann der Etat des Orchesters ab dem Jahr 2013 beschnitten werden. Ein in der Branche ungewöhnlicher Passus, der für ihn ebenfalls unannehmbar ist.

Markus Thiel

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