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Trauer um Herbert Achternbusch: Das leise Ende eines Lauten

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Von: Simone Dattenberger

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Porträt des Schriftstellers, Regisseurs, Schauspielers und Künstlers Herbert Achternbusch.
Ein bairisches Genie: Herbert Achternbusch (1938-2022). © Effigie/Leemage/Picture Alliance

Es war schon lange still um ihn geworden. Jetzt ist der Münchner Filmemacher, Schriftsteller, Maler und Schauspieler Herbert Achternbusch im Alter von 83 Jahren gestorben. Unser Nachruf:

Der Münchner Filmemacher, Schriftsteller, Maler und Schauspieler Herbert Achternbusch is schee staad, wie der Bayer sagt, aus unserer Mitte, unserem Kulturleben verschwunden. Nun ist er im Alter von 83 Jahren ganz von uns gegangen. Besonders seltsam hat dieses Ruhigwerden angemutet, weil „der Achternbusch“ es immer verstand, laut zu sein: aufmüpfig, unangepasst, frech, grantig, revoluzzerisch und bisweilen ungeniert verletzend. Irgendwann in den 2010er-Jahren hatte sich diese Schachterlteufel-Energie, die mit seiner unbändigen schöpferischen Kraft einherging, wohl verbraucht.

Herbert Achternbusch wurde 1938 in München geboren

Wer in den vergangenen Jahren ab und zu etwas von ihm vernahm, „Susn“ an den Kammerspielen oder „Dogtown Munich“ am Volkstheater, und jünger war, konnte sich gar nicht vorstellen, dass es bei ihm Zeiten rasender Produktivität gab. Jährlich erschienen ein Theaterstück und gefühlt noch mehr Filme. Selbst die kampferprobte Kritikerinnen-Legende Ponkie, die am 30. Dezember gestorben ist, zeigte sich beeindruckt. Bei einer Pressevorführung, wahrscheinlich von „I know the Way to the Hofbrauhaus“, flüsterte sie der Autorin dieser Zeilen stolz ins Ohr, sie habe bisher jeden (!) Achternbusch-Film gesehen.

Achternbusch studierte Kunst in München und Nürnberg

Der zierliche Mann brannte für seine Kunst und schien doch, unangestrengt wie ein spielendes Kind, Welten zu entwerfen. Welten, die durchaus mit unserer Realität etwas zu tun hatten, sich dennoch in schräge, schillernde, skurrile, sarkastische, ja auch „nur“ schöne Sphären ausdehnten. Dabei waren Achternbusch die üblichen Spielfilm- oder Dramenformen komplett wurscht. Genauso, ob ihm das Publikum folgte oder nicht.

Im Zentrum der Werke stand meist ein Verloren-Sein in der eigenen, doch eigentlich bekannten Umgebung und das Alleinsein trotz Freundschaft und Liebe. Im Gespräch mit unserer Zeitung fasste Herbert Achternbusch das so zusammen: „Meine Filme haben nicht das Thema Heimatlosigkeit, sie sind heimatlos.“ So bizarr Storys, (Stück-)Szenen, Schauspieler- und Kameraführung sowie sein eigenes Spiel waren, so einfühlsam, hellsichtig und tolerant war seine Menschendarstellung. Da verschwand der Raunzer hinter der Weisheit und Heiterkeit eines großen Künstlers. Letztere durfte sich in seinen farbenfrohen, erzählerischen Bildern voll entfalten. Sie sind weltumspannende Geschichten aus tausend und einer bairischen Nacht. Voller Bezüge, voller Erotik, voller Rätsel.

1969 startete Achternbusch als Autor beim Suhrkamp Verlag

Achternbusch, am 23. November 1938 in München geboren, wuchs im Bayerischen Wald auf. Nach Abitur und Pädagogischer Hochschule ging er an die Kunstakademien München und Nürnberg und startete 1969 – aufgemerkt! – als literarisches Talent beim Suhrkamp Verlag („Zigarettenverkäufer“, „Das Kamel“). Der Roman „Die Alexanderschlacht“ von 1971 war hoch angesehen.

Allerdings schlug Achternbusch gern unerwartet diejenigen, die ihn förderten. Ende der Siebziger war das die Scheckverbrennung bei der Verleihung des Petrarca-Preises. In den späteren Neunzigern beleidigte er das Kammerspiele-Ensemble der Dieter-Dorn-Ära, das viele seiner Stücke liebevoll realisiert hatte: unter anderem „Mein Herbert“ und „Gust“ in den Achtzigern, die Wende-Komödie „Auf verlorenem Posten“ und das feinsinnige Beziehungsspiel „Der Stiefel und sein Socken“ in den Neunzigern.

Dieser Schachterlteufel-Jähzorn sorgte bei Achternbusch andererseits für Widerstandskraft und Risikofreude. Und die brauchte der Münchner gerade beim Filmen. Im Kino saß und sitzt ein Publikum, das eher Süffiges erwartet. „Das Andechser Gefühl“ (1974) war das trotz Bier-Pilgerstätte so ganz und gar nicht. Kein Wunder, dass sich Werner Herzog 1976 Achternbusch (Drehbuch) und Josef Bierbichler (Hias) für sein „Herz aus Glas“ geholt hatte. Die Lust an der Gefahr, am Reizen der anderen nutzte Achternbusch ebenfalls bei seiner Auseinandersetzung mit der Schoah („Das letzte Loch“, 1981, „Heilt Hitler“, 1986) und dem Frömmlertum („Das Gespenst“, 1982). Dieses Werk, ein so kluges wie komisches Nachdenken über unseren Umgang mit der Gestalt Christi, löste heftige Proteste aus. Das zuerkannte Preisgeld für das Filmband in Silber („Das letzte Loch“) wurde vom damaligen Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU) sogar zurückgehalten. Förderungen blieben weiterhin aus. Achternbusch betonte im Gespräch: „Auch mit den Filmen wollte ich niemanden provozieren. Ich wollte, dass sie mich mögen. Aber ich kann nur so arbeiten. Selbst wenn ich was anderes probieren würde, es haut nicht hin.“

Achternbusch: im Olymp der bairischen Genies

Insbesondere in seiner künstlerischen und privaten Beziehung zu Josef Bierbichler und dessen Schwester Annamirl hatte Herbert Achternbusch in jungen Jahren sein (Anti-)Heimatgefühl entwickelt. Als er dann „a Ruah gebn hat“, fand der Vater von sechs Kindern vielleicht seine innere Heimat. In den Olymp der bairischen Genies war er ohnehin schon eingezogen.

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