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Irrwitz mit Anmut: Residenztheater zeigt Achternbuschs „Der Stiefel und sein Socken“

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Szene aus „Der Stiefel und sein Socken“ im Marstall des Bayerischen Staatsschauspiels.
„Der Stiefel und sein Socken“ im Marstall mit Sibylle Canonica und Max Mayer. © Adrienne Meister/Bayerisches Staatsschauspiel

Herbert Achternbuschs „Der Stiefel und sein Socken“ wurde 1993 in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt. Jetzt zeigt das Bayerische Staatsschauspiel seine Neu-Inszenierung der Groteske im Marstall.

Erst einmal passiert nichts. Wenn die Vorstellung losgeht, bleibt es dunkel und still im Münchner Marstall. Minutenlang. Nur die Technik summt und knackt manchmal leise. Erst wenn das Auge sich allmählich an die Finsternis gewöhnt hat, meint man, vage einen schwarzen Umriss auf der Bühne zu erkennen. Steht da wer? Und tatsächlich, nach einer gefühlten Ewigkeit flammt ein Streichholz auf, und eine Kerze wird entzündet. Ja, da steht ein Mensch auf der Bühne. Ecce homo! Viel sieht man immer noch nicht, aber der Mensch mit Kerze schiebt sich langsam nach links, und plötzlich ist da ein zweiter Kopf, ganz nah beim ersten. Jetzt wird es deutlicher, es sind zwei Menschen, eng beisammen, so, als würden sie gemeinsam in einem Mantel stecken. Oder handelt es sich um Siamesische Zwillinge, deren Körper miteinander verwachsen sind?

Herbert Achternbuschs „Der Stiefel und sein Socken“ wurde 1993 uraufgeführt

Auf jeden Fall ist es das schönste und gelungenste Bild, das man in dieser Inszenierung von Herbert Achternbuschs „Der Stiefel und sein Socken“ zu sehen kriegt. Obwohl es in der eigenen Erinnerung noch gar nicht so lang her ist, dass der heuer im Januar verstorbene Autor die Uraufführung dieser Groteske 1993 selbst an den Kammerspielen inszenierte, liegt das nun fast 30 Jahre zurück. Was seinerseits so grotesk und unglaublich klingt, dass man als gesetzterer Theatergänger völlig von den Socken ist. Umgekehrt dürfte kaum jemand aus den Latschen oder Stiefeln kippen vor Begeisterung über eine Neuinszenierung, die auf halber Strecke stehen bleibt beim an sich spannenden Versuch, aus Achternbuschs schräger Liebesgeschichte eine grelle Narrenposse herauszukitzeln.

Jan Höft inszenierte die Groteske für den Marstall des Residenztheaters

Letztere steckt ja wirklich auch in dieser Geschichte über Herbert und Fanny, die mitten in Bayern in Arizona leben und ein Huhn haben. Ob die grazile Holzkonstruktion mit Stoffwänden, die Bühnenbildner Jonas Vogt gebaut hat, deshalb aussieht wie die edle japanische Zen-Version eines Hühnerstalls, sei dahingestellt. Jedenfalls legt das Huhn keine Eier mehr, weshalb Fanny selber Eier legen muss, während das Huhn vielleicht geschlachtet werden soll und Herbert aus Sicherheitsgründen einen Hut trägt, weil über seinem Haupt ja eine alte Teekanne hängt – und zudem ein römischer Legionär im Wald Steine klopft.

„Der Stiefel und sein Socken“ ist eine Art dadaistisches Anti-Ballett

So weit, so gut, und selbst dass die für Achternbusch typische Art-Brut-Poesie, die im Originaltext immer wieder aus dem Sprachgeröll herausblitzt, durch viele Textkürzungen verblasst, könnte man einem entschlossenen Regiezugriff durchgehen lassen. Allerdings nur, wenn er im Gegenzug eben neue, ungeahnte Dimensionen des Stücks eröffnet. Leider gelingt das hier höchstens ansatzweise. Man merkt zwar, dass Nachwuchsregisseur Jan Höft auf den puren Nonsens, auf die bewusste Sinnzertrümmerung hinauswollte, die nicht nur in Worten, sondern genauso in der Körpersprache der Akteure ihren deutlichen, fast tänzerischen Ausdruck finden sollte. Ein dadaistisches Anti-Ballett quasi, das aus linkischen Gesten fragile Anmut erwachsen lässt.

Allerdings scheint dem Regisseur nur einer der drei Schauspieler bei diesem Bemühen gefolgt zu sein: Max Mayer in der Rolle des Herbert ist bereit, nicht einfach den gewohnten Stiefel gekonnt herunterzuspielen, sondern sich auf die Socken zu machen in andere ästhetische Gefilde. Dieser klapprige Komödiant in Kaminkehrerkluft zuckt und federt, hopst und tapst neurotisch verdreht herum, sodass sein großartiges Bewegungsgestotter und Körpergestammel eben den ganzen Irrwitz leibhaftig spürbar macht, den der Text artikuliert. Die beiden altgedienten Theaterrecken Sibylle Canonica (Fanny) und Arnulf Schumacher (Römer) hingegen können oder wollen da nicht mithalten und agieren so edelherb, als spielten sie eine Dieter-Dorn-Inszenierung. Es hat ja auch wirklich etwas Beeindruckendes, wenn die Canonica mit wirrer Federhaube auf dem Kopf im Schubkarren rumgefahren wird, aber dabei die Würde einer Maria Stuart ausstrahlt. Bis es abrupt wieder dunkel wird und das Publikum höflich applaudiert. (Noch mehr Theater aus dem Bayerischen Staatsschauspiel? Lesen Sie hier unsere Premierenkritik zu „Warten auf Platonow“ von Thom Luz.)

Alexander Altmann

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