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Residenztheater bringt Kroetz-Stück nach 44 Jahren zurück auf die Bühne

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Von: Michael Schleicher

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Szene aus „Agnes Bernauer“ von Franz Xaver Kroetz am Bayerischen Staatsschauspiel.
„Agnes Bernauer“: Am Bayerischen Staatsschauspiel ist Antonia Münchow in der Titelrolle zu erleben. Ihr Kollege Max Rothbart spielt Albrecht Werdenfels. © Sandra Then/Bayerisches Staatsschauspiel

„Agnes Bernauer“ von Franz Xaver Kroetz wurde 1977 in der DDR uraufgeführt. 44 Jahre später ist das Stück jetzt am Münchner Residenztheater zu sehen. Unsere Premierenkritik:

Auf der Drehscheibe des Lebens sind alle Menschen gleich. Schlecht. „So ist der Lauf der Welt“, sagt Unternehmergattin Herma Werdenfels zur Schwiegertochter Agnes und meint: Find’ dich damit ab, Kindchen. Doch eben das will die junge Frau irgendwann nicht mehr: Als kleines, resigniertes Rädchen im Gesellschaftsgetriebe („Wo ich nix kann“) legt es diese Agnes Bernauer zunächst darauf an, schwanger zu werden: „Dann heirat ich eben einen reichen Mann.“

„Agnes Bernauer“ wurde 1977 uraufgeführt

Der heißt Albrecht Werdenfels, ist verhinderter Musikstudent und Sohn von Ernst, der ausgerechnet mit Rosenkränzen zu Schloss und Kohle gekommen ist. Agnes gefällt sich zunächst in der Rolle des geschmückten Püppchens an der Seite des Filius. Dann entdeckt sie erstens, wie der Firmenpatriarch seine Arbeiter ausbeutet, und zweitens ihr soziales Gewissen. Statt sich mit Luxus zu betäuben und mitzutun, geht sie mit Mann und Ungeborenem in eine unsichere, aber eben auch ungeschriebene Zukunft.

Kroetz orientierte sich an der historischen Agnes Bernauer

Franz Xaver Kroetz erzählt davon in seinem Drama „Agnes Bernauer“, für das er die historische Figur aus dem 15. Jahrhundert in die junge Nachkriegs-BRD geholt hat. Die Bernauerin, Tochter eines Baders aus Augsburg, stand einst Bayerns Herzog Albrecht III. sehr, sehr nahe. Das ging dessen Vater, Herzog Ernst, so sehr gegen den Strich und die Erbfolge, dass er die junge Frau 1435 bei Straubing in der Donau ertränken ließ. Kroetz findet eine andere Lösung, glaubt an die Veränderbarkeit des Einzelnen, vielleicht gar an die der Verhältnisse. Seine Agnes ist der gute Mensch von Straubing, doch grüßt im Text eben nicht nur Brecht, sondern auch Horváth und Fleißer.

Im Mai 1977 wurde das „bürgerliche Schauspiel“ in der DDR, in Leipzig, uraufgeführt; vier Monate später war in Wuppertal die Erstaufführung in der Bundesrepublik. Danach wurde das Stück nicht mehr gespielt. Nach 44 Jahren hat Hausregisseurin Nora Schlocker es jetzt fürs Bayerische Staatsschauspiel ausgegraben; am Donnerstag, 18. November, war im Cuvilliéstheater Premiere ihres gut 100 Minuten langen Abends.

Szene aus „Agnes Bernauer“ von Franz Xaver Kroetz am Bayerischen Staatsschauspiel.
„Agnes Bernauer“: Christoph Franken überzeugt als Ernst Werdenfels. © Sandra Then/Bayerisches Staatsschauspiel

Marie Roth hat auf die Drehbühne einen mit dunklem Furnier vertäfelten Komplex gebaut, der an übergroße Beichtstühle erinnert. An der Stirnseite des sakralen Konstrukts, das viele Spielräume bietet, sind umlaufend Zeilen des „Ave Maria“ graviert. Jana Findeklee und Joki Tewes haben das Ensemble in Kostüme gesteckt, die an die Mode der Siebziger erinnern oder an Tracht. (Jazz-)Komponistin Monika Roscher schrieb einen ähnlich wilden, süffigen Mix für die vier fabelhaften Musiker.

„Agnes Bernauer“ entstand in Kroetz‘ DKP-Phase

Zwar verhunzt ein großer Teil der Schauspielerinnen und Schauspieler das herrliche Bairisch der Kroetz’schen Figuren. Doch werden diese – auch in mancher Plattheit – ernst genommen. So entwickelt Schlockers Inszenierung einen guten, eigenen Rhythmus. Die Regisseurin hütet sich zudem davor, das (Zeit-)Stück zu aktualisieren. Natürlich wird nicht mehr in Mark gerechnet und Produktionsprozesse laufen ebenfalls anders ab. Doch am Grundproblem, das der Text schildert, dass Reichtum (allzu oft) auf Kosten anderer (Menschen, Länder, der Schöpfung) angehäuft wird, hat sich wenig geändert. „Agnes Bernauer“ fieselt das exemplarisch auf. Ja, Kroetz hat sein Drama in der Phase seiner DKP-Euphorie geschrieben, als er überzeugt war, dass der Mensch sich zum Besseren verändern kann. Na und? Man wird doch noch träumen dürfen.

Lesen Sie hier unsere Kritik zur Premiere von „Graf Öderland“ am Bayerischen Staatsschauspiel.

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