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Zu Literatur machte Christopher Roth Anfang der Achtzigerjahre dieses Klingelschild am „Fuchsbau“ unweit der Münchner Freiheit, das er für seinen Roman „200D“ abschrieb. Jetzt wurde das Buch neu aufgelegt. Beim Ortstermin mit unserer Zeitung prüfte Roth, wer von den damaligen Mietern noch immer in dem achtstöckigen Häuserblock lebt.

Wie Bad München Literatur wurde

München - 1982 war Benjamin von Stuckrad-Barre sieben Jahre alt – und Christopher Roths „200D“ ein Flop. Das Buch war Popliteratur, die damals keiner verstand. Noch keiner. Jetzt wurde „200D“ neu aufgelegt.

„Eine graue Wohnanlage“ nennt Christopher Roth in seinem Buch den „Fuchsbau“, einen achtstöckigen Block nahe der Münchner Freiheit. Und in der Tat: Grau wirkt der Bau auch heute, grau und trist. Aber damals fand man diese Architektur modern – und Roth schwärmt noch immer von dem Haus. „Super, die roten Fenster, und der Beton ist so schön erhalten!“, sagt der 47-Jährige, der zum Gespräch mit Jackett und brauner Mütze erscheint. In seinem Roman „200D“ hat er drei Seiten mit der Abschrift der Bewohnernamen gefüllt. Das Klingelschild gibt es noch, jetzt steht Roth in der Eiseskälte davor und will es sich nicht nehmen lassen, zu überprüfen, wer noch hier lebt. Er hat das Buch mitgebracht, lässt sich die Namen vorlesen und geht mit dem Finger über die ersten Reihen des riesigen Schildes. „Immerhin: Vier sind in den oberen Stockwerken noch da!“, sagt er und strahlt.

Die seitenlange Abschrift eines Klingelschildes – ist das genial oder bescheuert? Der junge Autor, der kein Schriftsteller werden sollte, benutzte Anfang der Achtziger das exakte Beschreiben von Äußerlichkeiten als Stilmittel. Er schrieb Speisekarten ab, schilderte Menschen und Straßen detailversessen. Damals war das radikal. Doch die Verlage verstanden Roth nicht. „Da würde ja keiner schreiben, was er fühlt oder denkt“, erinnert er sich an Reaktionen. „Es wäre ja ganz interessant, die Rücklichter zu beschreiben. Aber wie fände man die Rücklichter?“

Die Handlung des Büchleins ist schnell erzählt. Ich-Erzähler Boris ist 18, kauft einen gebrauchten roten Mercedes Diesel 200D, geht zum Friseur, fährt durch München, feiert gern und viel. Was er denkt, erfährt man nicht. Dem, der damals jung in München war, mag vieles bekannt vorkommen. Zum Beispiel die „Tour der Leiden“, wie Roth im Buch einen Abend zwischen den Diskos Boot, Why Not und Sugar nennt. „Es war ja nicht nur hedonistisches Abtanzen“, sagt er heute. „Das musste man abarbeiten.“

Nachdem sich keine Verlage für „200D“ interessiert hatten, brachte Roth den Roman 1982 gemeinsam mit Freunden selbst heraus. Vielleicht war das Buch, das heute zur Popliteratur zählt, seiner Zeit einfach zu weit voraus. „Es steckte in diesem Buch so viel Gegenwart, dass es keine Gegenwart mit ihm aufnehmen konnte“, schreibt Roths Freund Moritz von Uslar im Vorwort zur Neuauflage. Roth selbst sagt: „Die, die heute so was lesen, die haben damals überhaupt keine Bücher gelesen.“ Wie sich der Misserfolg im Rückblick anfühlt? „Wenn man nicht beachtet wird, ist das erniedrigend“, sagt Roth. „Schön und gut, dass es jetzt wieder rauskommt, aber das macht es nicht wieder gut.“

Die Unbeschwertheit der frühen Achtzigerjahre klingt auf fast jeder Seite an. „Eine tolle Zeit“ sei das gewesen, um in München zu sein, sagt Roth heute. „München ist ein Kurort! Bad München!“, hieß es trotzdem auch schon damals. Heute scheint Roth, der seit 1999 in Berlin wohnt, die Stadt noch träger geworden zu sein. „Ich glaube, die Leute regen sich gar nicht mehr auf. Die warten in München einfach zehn Minuten an der Ampel – ist denen völlig wurst.“ 1982 war München noch grau. „Es gab auch auf der Leopoldstraße noch so runtergekommenes Zeug. Das reiche München waren damals nur die Maximilian- und Briennerstraße.“ Roth war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Man kannte sich, Filmemacher saßen im Romagna Antica am Nebentisch, „BERND E (30)“ und der „stets Partystimmung verbreitende Regisseur der Münchner Schule, KLAUS L (40)“, wie es in „200D“ über Bernd Eichinger und Klaus Lemke heißt. Stars seien die für die jungen Leute aber nicht gewesen, sagt Roth. „Und wir waren für die anderen einfach nur junge Schnösel, die Spaß haben wollten.“ Ein unbeschwerter Spaß, der für Roth selbst auch möglich war, weil er früh die Schule geschmissen hatte. „Ich bin morgens aus dem Haus gegangen, als würde ich in die Schule gehen. Im Café Capri an der Leopoldstraße roch es immer noch nach Putzmittel.“

Sein Buch entstand an einem Wochenende – wie sehr es in der Zeit verhaftet ist, lässt sich an Kleinigkeiten erkennen. Videorekorder, Tramper am Mittleren Ring, Nappalederhosen, und solche Sätze: „Wie in einer Jugendherberge beugen sich Langhaarige im schummrigen Kerzenlicht über runde Holztische.“

In einer Jugendherberge stellt man sich den jungen Christopher Roth nicht vor. Schon eher in Charles Schumanns Bar, eröffnet 1982. Auch den kannte Roth. „Wir haben immer gesagt, der macht nie eine Bar auf, der schafft das nicht“, erinnert er sich schmunzelnd. „Das haben wir völlig falsch eingeschätzt.“

Vielleicht den schönsten Satz des Buchs sagt der Protagonist, natürlich, zu einem Mädchen: „Kennst du mein Hobby? Ich verschenke One-Way-Tickets nach New York und Rom. Willst du eins?“

Wollte sie nicht. Und Roth wollte nie wieder einen Roman schreiben, schnitt stattdessen Filme, versuchte sich selbst als Regisseur („Baader“), beschäftigte sich mit den Jahren 1980/81, entwarf eine Oper. Ob er jetzt, da er späte Aufmerksamkeit für sein Buch bekommt, nicht doch noch einmal einen Roman schreiben will? „Ich habe kürzlich tatsächlich drüber nachgedacht“, sagt Roth. Er interessiert sich immer noch für dieselben Dinge, für Klamotten etwa: „Alles soll Spaß machen.“ Den tollsten Satz, sagt Roth, habe sowieso sein Freund Rainald Goetz geschrieben: „Pop hat keine Probleme.“

Felix Müller

Christopher Roth:

„200D“. Bloomsbury, Berlin, 109 Seiten; 8,95 Euro.

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