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München: NS-Raubkunst? Dieses Gemälde darf zurück nach Hause

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Von: Katja Kraft

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Franz von Lenbachs „Mädchenbildnis“ (1892) zeigt die neunjährige Katia Pringsheim.
Mit hellwachen Augen blickt sie in die Welt: Franz von Lenbachs „Mädchenbildnis“ (1892) zeigt die neunjährige Katia Pringsheim. © Neumeister

Thomas Manns Ehefrau Katia stammte aus der reichen jüdischen Familie Pringsheim. Der Münchner Maler Franz von Lenbach porträtierte sie als junges Mädchen. Das Gemälde könnte der NS-Raubkunst zum Opfer gefallen sein. Am 18. März 2022 wird es im Literaturhaus München an das Thomas Mann House in Kalifornien übergeben.

Sie war nicht immer Katia Mann, die Frau von. Die kluge Unterstützerin ihres Gatten Thomas Mann (1875-1955). Der glänzte, während sie ihm Haushalt, Kinder und Arbeitsmaterialien organisierte. Als geborene Pringsheim gehörte die spätere Frau des Literaturnobelpreisträgers einer bedeutenden, sehr wohlhabenden jüdischen Familie an. Ihr Vater Alfred war Mathematikprofessor und Kunstmäzen.

In der Münchner Villa der Familie an der Arcisstraße 12 traf sich an Festabenden die ganze Stadtgesellschaft. Fanny zu Reventlow (1871-1918) trank hier so manches Glas. Friedrich August von Kaulbach (1850-1920) ließ sich zu Gemälden inspirieren. Ein weltoffenes Haus, das die kleine Katia prägte. Sie war die erste Abiturientin Münchens und eine der ersten Frauen, die hier an der Universität studierten.

Katia Mann, geborene Pringsheim
Katia Mann, geborene Pringsheim (1883-1980). © Abraham Pisarek

Auffallend hübsch war sie noch dazu. Gemälde von damals zeugen davon. Der Münchner Malerfürst Franz von Lenbach (1836-1904) porträtierte das Mädchen mehrere Male. 1892 etwa, da war Katia gerade neun Jahre alt. Mit großen, hellwachen Augen blickt sie in die Welt. Das Kindergesicht wirkt wenig kindlich, man erkennt schon die spätere nachdenkliche Schönheit darin.

Dann kam der Krieg.

Die Familie Pringsheim musste Deutschland verlassen. Erst im Herbst 1939 gelang ihnen die Flucht. Zum Verkauf ihres Palais wurden sie genötigt, einen Teil ihres Besitzes ließen sie zurück, ein Großteil wurde enteignet. Ihre Kunst, darunter berühmte Silber- und Majolika-Sammlungen, wurde beschlagnahmt und versteigert. Auch Lenbachs „Mädchenbildnis“ von 1892? Das fragten sich Katrin Stoll, Leiterin des Münchner Auktionshauses Neumeister, und ihr Team, als das Werk im August 2018 bei ihnen zur Auktion eingeliefert wurde. Katrin Stoll ist seit Jahren Vorreiterin in Sachen Provenienzforschung. Durch ihre Initiative wurde etwa der verbrecherische Kunsthandel Adolf Weinmüllers in München und Wien während des Nationalsozialismus aufgedeckt und wissenschaftlich erforscht. Was in ihrem Haus unter den Hammer kommen soll, wird gewissenhaft auf seine Herkunftsgeschichte hin überprüft.

Das Auktionshaus Neumeister überprüfte die Provenienz

So auch das Porträt der Katia Mann. Es stammt aus dem Nachlass einer Münchnerin, die es ihrem in den USA lebenden Neffen Robert Schoenhofer vererbte. Dessen Großeltern hatten das Gemälde am 7. Februar 1940 als „Mädchenbildnis“ ohne Angabe der Herkunft vom Kunsthändler Fritz Hanold „aus Münchner Privatbesitz“ für 3000 Mark erworben. Fast 80 Jahre später prüfte der Thomas-Mann-Forscher Dirk Heißerer das Werk – und erkannte die Ähnlichkeit des dargestellten Mädchens mit einem Bildnis von Katia Pringsheim, das Thomas Mann von seinen Schwiegereltern geschenkt bekam und das sich heute in seinem Nachlass in der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich befindet.

„Da entschieden wir uns, das Gemälde aus der Auktion zu nehmen“, berichtet Katrin Stoll. Die genaue Nachforschung begann. Eine Detektivarbeit, die Unrecht, wenn schon nicht wiedergutmachen, dann doch die materiellen Folgen davon ausgleichen soll. Alfred Grimm, damals Beauftragter für Provenienzforschung am Bayerischen Nationalmuseum, konnte schließlich nachweisen, dass das „Mädchenbildnis“ einst im Palais Pringsheim hing. „Es ist jedoch nicht auf den Listen der damals beschlagnahmten Kunstwerke zu finden. Weil wir dennoch nicht wissen, wie es den Weg zu seiner späteren Besitzerin gefunden hat, entschied sich der Eigentümer, es nicht zu veräußern“, erzählt Stoll.

Thomas-Mann-Erbe Frido Mann ist bei der Übergabe des Gemäldes dabei

Stattdessen entschloss sich der US-Amerikaner, es dem Thomas Mann House im kalifornischen Pacific Palisades zu schenken. Dort freute man sich – kontaktiere aber sogleich die 26 Nachfahren von Hedwig und Alfred Pringsheim und hinterfragte, ob diese Schenkung auch in ihrem Sinne sei. „Die meisten Familienmitglieder haben sich für die Schenkung ausgesprochen, aber es gibt auch Stimmen für den Verbleib des Bildnisses in München. Wir suchen noch nach einer Kompromisslösung. Unser Anliegen ist es, mit der öffentlichen Präsentation des Bildnisses an das Unrecht zu erinnern, das der Familie Pringsheim widerfahren ist“, betont Heike Catherina Mertens, Geschäftsführerin des Vereins Villa Aurora & Thomas Mann House.

Das Thomas Mann House in Kalifornien. Dort wird das Bild in Thomas Manns einstigem Arbeitszimmer hängen.
Das Thomas Mann House in Kalifornien. Dort wird das Bild in Thomas Manns einstigem Arbeitszimmer hängen. © MIKE NELSON/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Heute Abend erfolgt im Münchner Literaturhaus die feierliche Übergabe. Robert Schoenhofer wird das Gemälde zusammen mit Thomas-Mann-Enkel Frido Mann und Tamara Marwitz, Urenkelin von Hedwig und Alfred Pringsheim, an Vertreter des Thomas Mann House in Pacific Palisades überreichen. Zuvor diskutieren Katrin Stoll, Alfred Grimm, Dirk Heißerer, Heike Catherina Mertens und Robert Schoenhofer über die Geschichte des Porträts sowie Schwierigkeiten und Chancen im Umgang mit NS-Fluchtgut.

Dann wird das Werk seinen Weg zurück nach Hause finden. An der Stelle im Arbeitszimmer von Thomas Mann soll es angebracht werden, wo zwischen 1942 und 1952 eine zweite Lenbach-Fassung dieses Kinderbildnisses hing. Und damit eine Lücke schließen. Nicht nur an der Wand.

Die Gemälde-Übergabe an das Thomas Mann House erfolgt am 18. März 2022 nach dem Diskussionsabend im Literaturhaus, Salvatorplatz 1. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr. Karten – auch für den Livestream – unter 01806/70 07 33 oder hier

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