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Das Problem des religiösen Zwangs thematisiert Sidi Larbi Cherkaoui in seiner Inszenierung von Jean-Philippe Rameaus „Les Indes galantes“ für die Münchner Opernfestspiele (Szene mit Anna Prohaska und François Lis).

Münchner Opernfestspiele

"Les Indes galantes": Im Korsett verschnürt

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München - Zweite große Premiere bei den Münchner Opernfestspielen: Sidi Larbi Cherkaoui inszenierte und choreografierte „Les Indes galantes“ im Prinzregententheater.

Friedliche Koexistenz funktioniert offenbar schon im Dreikäsehochfall nicht richtig. Da fliegen Papierkügelchen zwischen Schulbänken hin und her, da werden sogar Nationalflaggen geschwenkt – das Fräulein Lehrerin hat es nicht leicht mit dieser Rasselbande. Und das Gegenmittel? Liebe zum Beispiel, am besten in ihren verschiedenen, so seltsamen, eben deshalb realistischen Ausprägungen. „Ballettoper“ nennt sich Jean-Philippe Rameaus „Les Indes galantes“ ganz harmlos, dabei ist der Vierstünder ein ziemlich tiefgehendes Labor-Experiment in vier Stufen über die fatalen Folgen steigender Säfte. Nötig ist für den Genre-Zwitter im Idealfall ein Regie-Choreograf. Die Bayerische Staatsoper hat sich mit Sidi Larbi Cherkaoui demnach eine sehr naheliegende Persönlichkeit für die zweite große Premiere ihrer Festspiele geleistet.

Im Prinzregententheater lässt der Flame zusammenwachsen, was gar nicht zusammengehört. Vielleicht auch, weil er dem Charme von Anna Viebrocks Szenenkonzept erlegen ist. Ein Einheitsraum, wieder einmal. Aber einer jener doppelbödigen, leicht bizarren, in jeder Hinsicht offenen, sich mit wenigen Kniffen verändernden Schauplätze, wie sie nur von dieser Vieldeutigkeitskünstlerin erdacht werden können. Schule wie am Anfang ist er, dann Museum, auch Kirche oder wie am Ende alles gleichzeitig. Eine behutsame inhaltliche Verknüpfung von Prolog und den vier Akten, die Suche nach Parallelen, das Fortspinnen individueller, manchmal ganz kleiner Geschichten, all das könnte sich damit aufdrängen. Hier, mit diesem Regisseur, klappt das aber nur ansatzweise.

Nach dem Allgemeingültigen fahndet Cherkaoui, nach Grundsätzlichem, etwa mit der Problematisierung von religiösen Zwängen im Inka-Akt (der hier in einer „normalen“ christliche Kirche spielt). Doch die Bilder werden auf sich selbst zurückgeworfen, über die Illustration kommt das selten hinaus. So honorig die Sache mit der Vereinheitlichung sein mag: Rameaus „galante Inder“, mit denen ja Bewohner ferner Länder per se gemeint sind, handelt auch vom Kulturenclash, vom Aufeinandertreffen des scheinbar Unvereinbaren. Türke liebt Westlerin, Inka-Frau liebt spanischen Eroberer, zwei, die sich als jeweils anderes Geschlecht verkleiden, versuchen ihr Glück – in dieser Aufführung wird Rameaus Fallhöhe, womöglich weil sich die Verantwortlichen vor Nationenfolklore fürchten, nivelliert, klein gemacht, ausgeblendet.

Als Choreograf, das nimmt man aus diesem Abend mit, ist Cherkaoui besser als in der Regie-Rolle. Präzise ist diese Aufführung gezirkelt, mit viel Lust am Detail wird Aktion von Tänzern und Sängern verblendet. Geist und Temperatur der Musik werden erspürt und als nimmermüde Aktion abgebildet. So weit geht dies, dass all das Gewusel vom Vitrinen-Schieben bis zum Gruppentanz (in den übrigens die extrem geforderten Sänger eingebunden werden) auch ins Leere läuft. Nach drei Stunden gibt es noch einen ARD-„Brennpunkt“ im Opernformat, Aktuelles à la Flüchtlingselend wird nachgereicht. Man staunt also über Cherkaouis grandiose, konditionsstarke Truppe, über Breakdance-Varianten, über die fantasievolle, verführerische Körperlichkeit – und fühlt sich zugleich mit dem Stück allein gelassen: Ein Geschichtenerzähler, ein Charakterformer ist Cherkaoui nicht, der sich immer enger im Korsett seines Konzepts verschnürt.

Dafür meldet sich nach langen Jahren der Enthaltsamkeit die musikalische Barockfront mit Macht zurück. Was für ein (auch finanzieller) Aufwand: Im Unterschied zur Ära von Intendant Peter Jonas sitzen ausschließlich zusammengekaufte Spezialisten im Graben. Die beleben Rameaus Musik mit einer Intensität, mit einem Wissen um Rhetorik, Farben und Nuancen, auch mit einer Selbstverständlichkeit, die Ketzerisches aufkommen lässt: Ob es Dirigent Ivor Bolton gar nicht gebraucht hätte? Als Motivator und Impulsgeber wohl doch. Wobei Bolton am Anfang, mit seinem Überdruck und dem Hang zum Offensiven, zur Dramatik, im falschen Stil gelandet ist und Rameau als französisch maskierten, ungalanten Händel dirigiert.

Das gibt sich, weil der Brite ruhiger wird. Spaß macht dieses Orchesterfest allemal, zu dem sich ein famoser Expertenchor (das Balthasar-Neumann-Ensemble) und starke Solisten gesellen. Stilistisch am weitesten, auch im Zulassen von Verhaltenem, nach innen gewandter Emotion, kommen Anna Prohaska in der Doppelrolle Phani/ Fatime, Ana Quintans (L’Amour/ Zaïre) mit ihrer instrumentalen, apart dunklen Geschmeidigkeit und Tareq Nazmi (Osman/ Ali), ein Bass-Feingeist, der nie ins Poltern gerät und schon beim Betreten der Bühne Aufmerksamkeit ansaugt. Lisette Oropesa (Hébé/ Zima) startet zu nachdrücklich, singt sich jedoch locker und überstrahlt final das Personal. Cyril Auvity (Valère/ Tacmas) begegnet den unangenehm gelagerten Tenorpartien mit scharf umrissener Vokalität, Fachkollege Mathias Vidal (Carlos/ Damon) mit beherztem Zugriff. Heftiger, ungetrübter Applaus, aus dem auch Dankbarkeit herauszuhören ist. Kein Grund also, die Droge Barock wieder abzusetzen.

Weitere Aufführungen am Dienstag, 26.7. sowie am 27., 29. und 30. Juli; Telefon 089/ 2185-1920.

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