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Wiesn-Zugeständnis: Rita Kapfhammer beim Gstanzl-Singen mit Chefdramaturg Christoph Maier-Gehring.

„Kaufen Sie das Abenteuer“

München - Von den Wiesn-Besuchern weitgehend unbemerkt, starteten am Wochenende Münchens Opernhäuser voller Schwung in die neue Spielzeit. Das Gärtnerplatztheater lud zu einem Tag der offenen Tür.

Auch wenn man beim Blick auf Münchens Straßen derzeit anderes vermuten könnte: An der Isar dreht sich nicht alles nur um den Gerstensaft. Denn von den Biertouristen weitgehend unbemerkt starteten am Wochenende ebenfalls unsere beiden Opernhäuser voller Schwung in die neue Spielzeit. Wozu man am Gärtnerplatz wieder zum traditionellen „TheaterverGnüngen“ seine Pforten öffnete und dem interessierten Besucher Einblicke in die Probenräume und Werkstätten gewährte. Mitten hinein, wo derzeit noch fieberhaft am neuen „Freischütz“ gearbeitet wird, der Ende des Monats als erste Premiere der Saison über die Bühne geht.

Privatführung mit Promi: Sänger Stefan Sevenich (unten Mi.) führte die Gewinner des Merkur-Preisrätsels durch das Haus.

Vor allem aber gab es wieder reichlich Musik zu erleben. Und das als kleines Wiesn-Zugeständnis zum Auftakt sogar auf „Boarisch g’sunga“. Immerhin hat man mit Mezzo Rita Kapfhammer ja eine echte Muttersprachlerin am Haus, die nicht nur Bizets Carmen und Rossinis Koloraturen meistert, sondern nun auch beim gemeinsamen Jodeln und Gstanzl-Singen mit Chefdramaturg Christoph Maier-Gehring hörbar ihren Spaß hatte – was es in dieser Kombination wohl nicht unbedingt an jedem Haus zu hören geben dürfte. Ein kleiner Kulturschock waren da direkt im Anschluss fast die Berliner Chansons von Rotraut Arnold oder Bass-Neuzugang Derrick Ballard mit seinen amerikanischen Musical-Klassikern. Doch dürfte dieses Aufeinanderprallen musikalischer Welten ganz nach dem Geschmack von Intendant Ulrich Peters gewesen sein, der den ganzen Tag durchs Haus wuselte und nicht müde wurde, die Vielseitigkeit seines Ensembles und die Entdeckungsfreude seines Publikums zu loben.

Ein Motto, das später auch die große abendliche „Verkaufsschau“ bestimmte, bei der Chor und Solisten vor voll besetztem Haus Appetithappen aus künftigen Premieren offerierten. Wie etwa aus der „Fledermaus“ oder der besonders laut bejubelten „Italienerin in Algier“. Und dies in bewährter Teleshopping-Manier stets mit dem augenzwinkernden Hinweis, dass bereits jetzt der Vorverkauf für die gesamte Spielzeit läuft. „Also schlagen Sie zu! Kaufen Sie Karten! Holen Sie sich jetzt ein Abo!“

Vor den Profis hatten tagsüber aber auch mutige Laien reichlich Gelegenheit, ihre bislang unentdeckten Talente unter Beweis zu stellen. Sei es nun beim Dirigierwettbewerb, in den Theaterworkshops für Kinder, beim Tanzkurs mit dem Haushaltsreferenten oder bei einer öffentlichen Gesangsstunde mit Bass-Bariton Stefan Sevenich. Und der wusste dank seiner gewohnt humorvollen Art, nicht nur die unvorbereiteten Schüler zu Höchstleistungen zu motivieren, sondern ebenfalls die Gewinner des Merkur-Preisrätsels für sich zu gewinnen. Die nämlich kamen neben Sektempfang und Intendantenplausch auch in den seltenen Genuss einer Privatführung, auf der Stefan Sevenich das Haus einmal aus der Sicht eines Sängers präsentierte. Gespickt mit lustigen Anekdoten und persönlichen Erlebnissen, aber ebenso mit schlagfertigen Antworten auf die neugierig nachbohrenden Fragen seiner Gäste.

Wie für die meisten war diese Tour auch für Birgit Niedernhuber der erste Blick hinter die Kulissen des Staatstheaters, das sie sonst nur vom Zuschauerraum her kennt. Die Lehrerin aus Bad Tölz war hier in der letzten Spielzeit unter anderem schon mit ihren Schülern in der „Zauberflöte“ und stellt selbst mit den Jugendlichen kleine Theaterstücke und Musicals auf die Bühne: „Da war das natürlich interessant, mal zu sehen, wie das bei den Profis so zugeht. Die ganze Arbeit hinter der Bühne, von der man sonst ja eigentlich gar nichts mitbekommt. Das war richtig spannend.“

Ähnlich sind die Eindrücke beim Ehepaar Faber aus Baldham, das in jüngster Zeit nicht mehr ganz so oft hier war: „Wir hatten lange ein Abo, aber beim letzten Intendanten haben uns die Inszenierungen irgendwann nicht mehr gefallen. Da haben wir gekündigt.“ Doch auf die Frage, ob dieser Tag womöglich etwas an ihrer Einstellung geändert hat, kommt zum Glück eine versöhnliche Antwort: „Vielleicht überlegen wir es uns mit dem Abo ja doch noch einmal. Uns gefällt der Ulrich Peters einfach von seiner ganzen Art her. Es ist wirklich schade, dass er schon wieder gehen muss.“

Vorerst haben wir ihn aber noch eine Weile im Chefsessel. Und rein von der Papierform her verspricht es mit gleich drei Münchner Erstaufführungen und Neuproduktionen bewährter Klassiker tatsächlich eine ereignisreiche Spielzeit zu werden. Oder wie es der Chef selber sagen würde: „Kaufen Sie das Abenteuer!“

von Tobias Hell

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