1. Startseite
  2. Kultur

München: Pinakothek der Moderne feiert das Fahrrad - und wir feiern mit

Erstellt:

Von: Rudolf Ogiermann, Bernd Ernemann, Lara Listl, Markus Thiel, Michael Schleicher, Katja Kraft

Kommentare

Straßenrennrad aus dem Jahr 1989, entworfen von Togashi Engineering.
Straßenrennrad aus dem Jahr 1989, entworfen von Togashi Engineering. Eins der vielen Fahrräder der neuen Schau in der Neuen Sammlung/The Design Museum der Pinakothek der Moderne. ©  Die Neue Sammlung/Kai Mewes

Aufgepasst, alle Radl-Freunde: Die Ausstellung „Das Fahrrad. Kultobjekt - Designobjekt“ in der Neuen Sammlung/The Design Museum in der Pinakothek der Moderne ist ein Muss. Und macht Lust, selbst in die Pedale zu treten. Eine Liebeserklärung.

Die Ausstellung „Das Fahrrad. Kultobjekt - Designobjekt“ in der Neuen Sammlung/The Design Museum in der Pinakothek der Moderne ist ein Muss für alle Radl-Freunde. Bis 22. September 2024 lädt sie dazu ein, anhand von 70 Rädern zu sehen, wie sich das Design der Drahtesel über die Jahrzehnte verändert hat. Den Beginn machte 1817 Karl Drais mit der Erfindung des Laufrades - und gab damit den Startschuss für eine rasante Entwicklung. Doch sobald der Mensch das Radfahren gelernt hatte, wollte er schon wieder höher hinaus. Bequemer sollte das Radeln werden, sicherer, schneller. Die Besucher können nachverfolgen, mit welchen Tricks das gelang. In unserer Redaktion ist die Begeisterung über die Schau groß, denn hier gibt’s einige, die gern in die Pedale treten. Hier erzählen Kolleginnen und Kollegen von ihrer Liebe zu einem besonderen Tier: dem Drahtesel

Kultur-Chef Michael Schleicher
Wettstreit: Mit einer Kollegin und diesem ihrem Radl liefert sich Michael Schleicher täglich ein Rennen. © kjk

Michael Schleicher: „Natürlich kennen Sie die Geschichte von Hase und Igel. Dann wissen Sie jetzt, wie ich mich morgens fühle, wenn ich in die Arbeit komme. Unsere Fotoredakteurin Stephanie Braunert ist vor mir da. Keine Ahnung, warum ich je auf die Idee kam, ein Rennen mit dem Fahrrad auszurufen. Sie startet in Schwabing, ich in Neuhausen – egal, wann ich zuhause aufstehe und losfahre: Sobald ich in den Hof des Pressehauses einbiege und nach links blicke, steht ihr Radl an der Wand und knallt mir ein „Ich bin schon da!“ entgegen. Meine Vermutung, dass sie schummelt, war ein kurzer, verzweifelter Trost: Die Kollegin hat nur ein Rad, lässt es nicht im Hof stehen, sondern fährt jeden Abend damit heim. Nun will sie sich einen neuen Wettbewerb ausdenken. Klar, sie hat Mitleid. Aber: Mein Rad und ich sind bereit! Denn letztlich siegt der Spaß.“

Lara Listl mit ihrem selbst bemalten Fahrrad
Fahrrad-Kunst: Lara Listl hat ihr schon viele Räder blau besprüht – leider schien das auch Dieben zu gefallen. © thy

Lara Listl: „Schon als Kind bin ich liebend gerne und viel Fahrrad gefahren. Zum Bahnhof, zur Schule und zu Freunden ging es auf zwei Rädern einfach so viel schneller als zu Fuß. Auf mein erstes eigenes Rad war ich sehr stolz. Es war blau, von der Marke Peugeot und glitzerte in der Sonne. Trotz Fahrradschloss wurde es Jahre später geklaut, und ein Neues musste her. Um Geld zu sparen, diesmal ein Gebrauchtes. Schön war es nicht, und so beschlossen zwei Freundinnen und ich, unsere Räder mit Sprühfarbe zu verschönern. Trotz Fahrradschloss wurde auch dieses und später ein weiteres selbst Umgestaltetes geklaut. Daraufhin ließ ich mein jetziges gebrauchtes Rad, wie es war – bis Corona kam und damit die Zeit, zwei übrig gebliebene Sprühflaschen aufzubrauchen.“

Markus Thiel radelt täglich
Pendler-Alltag: Markus Thiel radelt – so Petrus nicht komplett durchdreht – aus einem Vorort ins Pressehaus. © kjk

Markus Thiel: „Knapp 17 Kilometer hin und retour, das reicht. Um in der Früh genug Frischluft zu tanken gegen den Morgenmuff. Und retour, um den Ballast des Arbeitstages aus dem Hirn zu kriegen. Mit innerer Kondition hat das zu tun. Und das Schönste: Ich liebe den Stau. Nicht nur den mit Autos in der Rosenheimer Straße, an dem ich vorbeiziehe, sondern auch den an den Radler-Ampeln. Ja, immer häufiger – Ludwigsbrücken-Nutzer zum Beispiel kennen das – kommt man nicht bei der ersten Grünphase rüber. Höchstens diejenigen, die sich rechts und links an der Radler-Schlange vorbeimogeln und auch hier an geistigem Porsche kranken. Aber all das zeigt: Es ist voll geworden auf den Radwegen. Ein gutes Zeichen. Noch nicht so wie etwa in Amsterdam, wo der klingelnde Pulk der Normalfall ist. Aber, München: Das wird schon noch.“

Katja Kraft als Dreijährige auf dem Fahrrad
„Du radeltest wie in kleiner Teufel“, notierte Katja Krafts Mutter unter dieses Foto der damals Dreijährigen. © kjk

Katja Kraft: „Süßigkeitenvernarrt und nicht besonders geschäftstüchtig – so lässt sich mein Charakter von Kindheit her sehr treffend zusammenfassen. Mit drei Jahren der erste verkorkste Deal meines Lebens: Da bekomme ich zum Geburtstag einen nigelnagelneuen gelben Puky-Tretroller geschenkt – und verhökere ihn vier Wochen später an den Nachbarsjungen. „Für Gummibärchen und Lutscher“, notierte meine Mutter im Fotoalbum unter dem Bild mit dem, wie ich heute finde, ziemlich coolen Roller. Der Zusatz: „weil du dir das Fahrradfahren beigebracht hattest“ liest sich wie der liebevolle Versuch einer Mutter, das miserable Verhandlungsgeschick der Tochter irgendwie in gutem Licht erscheinen zu lassen. Aber so ist das nun mal, wenn man im Münsterland aufwächst: Ein Tag, der mit Fahrtwind unterm Fahrradhelm beginnt, ist ein guter Tag. Bis heute.“

Rudolf Ogiermann bei der Fahrradreparatur
Wer sein Radl liebt, der flickt: Rudolf Ogiermann kann’s. Und hat auf langen Touren immer Werkzeug dabei. © rog

Rudolf Ogiermann: „Natürlich ist Fliegen schön, auch Bahn- oder Autofahren (wenn die Züge nicht ausfallen beziehungsweise auf der Autobahn kein Stau ist), aber es gibt keine schönere Fortbewegungsart als das Radeln. Hier ist (auch) der Weg das Ziel, man fährt – geeignete Trassen vorausgesetzt – so dahin, mal schneller, mal langsamer, je nach Gelände. Felder, Wälder, Ortschaften ziehen vorbei, man erlebt Natur, aber auch Städte und Dörfer mit allen Sinnen. Alles aus eigener Kraft. Seit einigen Jahren kommen meine Frau und ich im Urlaub auch mit dem Radl gut voran, in Flusstälern zumal, wir erleben sich allmählich verändernde Landschaften, Dialekte, Baustile. Und wissen am Ende der Etappe, nach 50, 60, 70 Kilometern, dass wir uns die Einkehr und das weiche Hotelbett redlich verdient haben.“

 Bernd Ernemann mit dem Mountainbike in den Bergen
Aufi! Am liebsten ist Bernd Ernemann mit dem Mountainbike in den Bergen unterwegs. © Ernemann

Bernd Ernemann: „28 Mark kostete damals die Monatskarte mit dem Zug in die Schule. Das Geld wollte ich lieber für sinnvollerer Dinge ausgeben (Yps-Hefte, Sammelbildchen, die guten Kekse) – und sattelte mit elf Jahren um aufs Fahrrad. So radelte ich bis zum Abitur täglich meine 20 Kilometer, auch im Dauerregen, auch im Winter. Daran hat sich bis heute, 40 Jahre später, nichts geändert. Wann immer möglich, nehme ich das Rad. Besser: eines meiner Fahrräder. Denn längst schon investiere ich das eingesparte Geld in die Mobilität: Mountainbikes, Rennräder, Stadträder, aus Stahl, Alu und Carbon. Wenn ich jedoch ehrlich bin: Die Rechnung geht schon längst nicht mehr auf. Aber das Gefühl, mit eigener Kraft an die Côte d’Azur, über Alpenpässe oder einfach täglich zur Arbeit zu fahren, ist ohnehin unbezahlbar.“

Auch interessant

Kommentare