Eine Fotowand in der Ausstellung „Pop Punk Politik“.
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Die Ausstellung „Pop Punk Politik“ erinnert in ihrer Gestaltung an eine WG.

„Pop Punk Politik: Die 1980er Jahre in München“ in der Monacensia

Als in München der Punk abging

  • Michael Schleicher
    vonMichael Schleicher
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DIY und BWL. Gefühl und Härte. Mode und Verzweiflung. Die Achtzigerjahre werden gefeiert und verspottet. Die Ausstellung „Pop Punk Politik“ in der Monacensia untersucht, wie die Subkultur in München das Jahrzehnt erlebte und gestaltete.

  • „Pop Punk Politik“ heißt die neue Ausstellung in der Münchner Monacensia.
  • Die Schau beschäftigt sich mit den 1980er-Jahren in München.
  • Vor allem die Subkultur spielt bei „Pop Punk Politik“ eine wichtige Rolle.

Der Brief vom 5. März 1982 ist wild mit bunten Filzstiften bemalt. Er beginnt mit gelben, dann roten, fetten Großbuchstaben: „EIN PAAR ZEILEN AUS DEM JENSEITS VON GUT + BÖSE“. Andrea Wolf meldet sich so bei ihrer Freundin Andrea Hagen – aus der Untersuchungshaft in Aichach. Die 15-Jährige (!) muss sich wegen der angeblichen „Bildung einer terroristischen Vereinigung“ verantworten; das Gericht wird später diesem Vorwurf der Staatsanwaltschaft nicht folgen. Der Freundin berichtet Andrea vom Knastalltag: Sie sei „meist ekelhaftester Stimmung“ und „habe lauter blaue Flecken vom Pogotanzen auf den paar m²“.

Ausschnitt aus Andrea Wolfs Brief.

Auch ihr Zwillingsbruder Tom sitzt ein, aus demselben Grund. Er schreibt ebenfalls an Hagen: „Hoffentlich komm ich raus, bevor das Lip dicht macht. Ich hab nämlich Bock, mal wieder geile Musik zu hören.“ Das „Lip“ ist das „Lipstick“ an der Claude-Lorrain-Straße in Untergiesing; Anfang der Achtziger ist die Kneipe ein beliebter Treffpunkt der Münchner Punks.

„Pop Punk Politik“ rückt die Subkultur ins Zentrum

Die Briefe der Geschwister zeigen, wie eng damals Text, Medium, Botschaft und Haltung verwoben waren, selbst in privater Korrespondenz. Sie belegen außerdem, wie wichtig Musik war – als Ausdrucksmöglichkeit und Identitätsstifter. Und die Zeilen machen klar, wie unbekümmert, selbstbestimmt die Jugend lebte.

Die Gestaltung der Räume erinnert an eine WG

Die beiden Schreiben, die in der Rückschau berühren, sind Teil der neuen Schau „Pop Punk Politik“ in der Monacensia, die den Achtzigerjahren in München nachspürt. Kein leichtes Unterfangen: Zwar gab es damals eine vielfältige Produktion von Texten, gerade in der Jugend- und Subkultur. Doch wurde wenig aufbewahrt. Die Monacensia hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses Jahrzehnt nun „nicht von der Literatur-Elite aus zu erzählen“, erläutert Leiterin Anke Buettner, sondern zu untersuchen, was in den Ecken und an den Kanten der Stadt los war.

Dazu hat das Büro Alba die Räume gestaltet, als gehörten sie zu einer WG: Collagen, Kopien, Poster hängen rahmenlos an den Wänden, Grell-Bunt trifft auf Schwarz-Weiß. Alles sieht ein bisschen selbst gemacht aus – logisch, schließlich kam damals die „Do-it-yourself“-Bewegung (DIY) auf. Ob Mode, Musik, Menschenrechte oder Umweltschutz: Kollektive Eigeninitiative ging vor Karriere.

Bitte selber machen: die Buttonmaschine in der Ausstellung.

Einerseits. Andererseits gab es mit BWL drei Großbuchstaben, die in Opposition zu DIY stehen, aber ebenfalls die Achtziger charakterisieren: Das BWL-Studium galt als erster Schritt zum (finanziellen) Erfolg. Überhaupt war die Dekade von Gegensätzen bestimmt, wie das Kuratoren-Duo Sylvia Schütz und Ralf Homann herausarbeitet: „Gefühl und Härte“, „Mode und Verzweiflung“ galten als Slogans der Stunde.

In den 1980er-Jahren änderte München sein Gesicht

Besonders spannend ist die Ausstellung, wenn sie an die Graswurzeln geht und in die jeweilige Szene eintaucht. Da publizierte etwa der Friedl Brehm Verlag am Starnberger See ein vogelwildes Bild des Freistaats jenseits von Loden und Lederhosen. Es gab Bands wie Sparifankal und Dullijöh mit ihrem bairisch-anarchistischen Liedgut. Freilich hätte man sich bei manchem Thema mehr Informationen gewünscht: beispielsweise zum Wandel Münchens von der Mode- zur Schmuckstadt, der in den Achtzigern stattfand. Oder zur Entstehung der schwul-lesbischen Literaturszene. Und natürlich zu Unikaten wie Rabe Perplexum. Der Künstlerin (1956-1996) aus dem Hasenbergl, die Manuela Margareta Hahn-Paula hieß und irgendwann entschied, „Nicht Mann – nicht Frau – nur Rabe!“ zu sein, ist eine tolle Vitrine gewidmet. Ein Glück, dass der Nachlass des Raben inzwischen in der Monacensia seine Heimat gefunden hat. Jetzt muss der Schatz gehoben werden – „Pop Punk Politik“ mag der erste Schritt dazu sein.

Informationen zur Ausstellung:

Bis 31. Januar 2022, Mo.-Mi. , Fr. 9.30-17.30 Uhr, Do. 12-19 Uhr, Sa., So. 11-18 Uhr, Maria-Theresia-Straße 23.

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