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Münchner Residenztheater: Werther blüht auf

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Von: Michael Schleicher

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Szene mit Johannes Nussbaum aus der Inszenierung „Werther“ am Münchner Residenztheater.
Werther blüht auf: das Bühnenbild im Münchner Residenztheater. © Katarina Sopcic/Münchner Residenztheater

„Werther. Ein theatralischer Leichtsinn“ feierte im Münchner Residenztheater Premiere. Elsa-Sophie Jach inszenierte Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ mit Johannes Nussbaum in der Titelrolle. Lesen Sie hier unsere Kritik:

Als Johannes Nussbaum seine Musikerkollegin – „Sarah, musst du gerade spielen?“ – bittet, ihn auf der Schaukel anzuschubsen, fügt er gleich hinzu: „Aber nicht zu doll!“ Logisch, schließlich sind die Emotionen wild genug, die zu diesem Zeitpunkt in seinem Werther Achterbahn fahren. „Ich leide viel!“ Dagegen hilft freilich selbst der gelbe Sicherheitsgurt nicht, den sich der Schauspieler auf der Bühne des Münchner Residenztheaters umschnallt. Werther schaukelt also – und damit zitiert diese Inszenierung wie nebenbei ein Motiv aus Fontanes „Effi Briest“. Auch sie eines jener jungen Dinger, deren Gefühlshaushalt alles andere als aufgeräumt ist.

Goethe veröffentlichte den „Werther“ im Jahr 1774

Goethe hat davon bereits 120 Jahre zuvor in „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774) erzählt. Sein Titelheld verliebt sich unsterblich in Lotte, die Albert versprochen ist, und sieht aus dieser Dreieckskiste keinen anderen Ausweg, als eben doch zu sterben. Im Roman, dessen Erscheinen den damals 25-jährigen Goethe zum Literaturstar machte, berichtet Werther von Mai 1771 bis zum Ende des Folgejahres seinem Freund Wilhelm in zig Briefen von Lotte, ihren gemeinsamen Unternehmungen, vom Aufblühen seiner Liebe, von seiner Pein, von seinem Glück, von ihrer (eingebildeten) Seelenverwandtschaft und von brutaler Verzweiflung. Typisch Sturm und Drang eben, typisch junge Leute: Alle drehen am Rad, wenn die Hormone das Kommando übernehmen. Am Ende wählt Werther die Vollbremsung, den Suizid. Krass, aber konsequent – wenn man so will.

Elsa-Sophie Jach wird neue Hausregisseurin am Residenztheater

Elsa-Sophie Jach hat die Geschichte nun fürs Bayerische Staatsschauspiel inszeniert; am Mittwoch (22. Juni 2022) war Premiere. Ergänzt hat die Regisseurin Goethes Vorlage um Gedichte von Karoline von Günderrode (1780-1806), die ein ähnliches Schicksal wie Werther durchlitt – und sich nach der Lektüre des Briefromans das Leben nahm. Dieser „Werther-Effekt“ rahmt den 90 Minuten langen Abend; Jach stellt gleich zu Beginn historische Suizide vor. Doch wechselt die Inszenierung dann geschickt den Ton, schließlich ist das alles ja ein bisschen drüber. Ganz wie die Ausstattung von Aleksandra Pavlović. Knallige Farben, ganz große Blumen und extrovertierte Kostüme zeigen nicht nur die Intensität dieses Leidens, sondern erzählen ein bisschen auch von dessen Lächerlichkeit. Damit gelingt Jach, die im Marstall bereits mit „Die Unerhörten“ beeindruckte und von kommender Spielzeit an dritte Hausregisseurin ist, was leider einigen Inszenierungen unter der Intendanz von Andreas Beck abgeht: einen eigenen Zugriff auf den Stoff. Sie verzichtet aufs brave Vom-Blatt-Spielen und hält sich nicht mit dem bloßen Bebildern von Texten auf. Nicht alles mag bei ihrem „Werther“ funktionieren, nicht jede ihrer Ideen ist neu – und doch ragt diese Produktion sehenswert aus dem Repertoire des Residenztheaters heraus.

Szene mit Johannes Nussbaum aus „Werther“ am Münchner Residenztheater.
Johannes Nussbaum als Werther am Münchner Residenztheater. © Katarina Sopcic/Münchner Residenztheater

Jachs Darsteller Johannes Nussbaum geht diesen Weg mit und beherrscht sicher das Pendeln zwischen den Polen im Gefühlsmeer des jungen Liebenden. Werthers Wilhelm ist Nussbaums Saalpublikum, mit dem er schäkert und ratscht, dem er vorschwärmt und vorjammert. Dabei vergisst er glücklicherweise nie, dass die Arbeit den Untertitel „Ein theatralischer Leichtsinn“ trägt.

Roman Sladek von der Jazzrausch Bigband schrieb die Musik

Man möchte den Schauspieler loben für diese One-Man-Show – wäre der Begriff nicht grundfalsch. Denn die zweite Hauptrolle spielt die Musik von Max Kühn und Roman Sladek. Letzterer ist auch Gründer und Kopf der Jazzrausch Bigband, die Techno und Jazz mitreißend verschmelzt und gerade ihr Album „Emergenz“ vorgelegt hat. Jazzrausch-Klarinettistin Bettina Maier und Pianistin Sarah Mettenleiter vom Münchner Jazzduo Ladybird sind Nussbaums starke Partnerinnen: Ihr Spiel illustriert nie den Text, sondern kommentiert ihn, greift voraus, verzögert oder treibt voran. Geschickt haben Sladek und Kühn in ihren Kompositionen auf ein Schlagzeug verzichtet. Schließlich gibt Werthers Herz an diesem Abend den Takt vor; seine Worte sind die Beats. Heftiger Applaus, Standing Ovations.

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